Erfolgsprojekte des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER)

Lokale Aktionsgruppe besichtigt Stuckdecke

Der „Kopf“ der Lokalen Aktionsgruppe „Mittlere Elbe – Fläming“ trifft sich in Coswig.

Schwarze Elster bei Löben bei Sonnenuntergang

Stabilere Deiche sollen die Dörfer an der Schwarzen Elster besser schützen.

Hochwasserrückhaltebecken im Bau

In ein neues Hochwasserrückhaltebecken fließen große Investitionen.

Informationstafel über das Herrenhaus Karow im Wandel der Zeiten, im Hintergrund das Herrenhaus

Im Karower Schloss lebt der Glanz aus alten Tagen wieder auf.

Berghaus am Bergwitzsee mit Insektenhotel

Das Waldhaus am Bergwitzsee lädt zu einer Entdeckungstour in der Natur.

Uhrenturm Hettstedt

Ältester Schmalspurbahnhof Deutschlands hat wieder einen Uhrenturm.

rosa und rote Rosen des Europa-Rosariums Sangerhausen

Das Europa-Rosarium in Sangerhausen erhält Tausende Rosensorten.

Klusbrücke im Grünen

Geschichte und Geschichten in der Klus. Die bedeutende Klusbrücke wird saniert, um sie für Anwohner und Touristen zu erhalten.

Die Förderagenten - Erfolgsprojekt ELER

Zwei Geografen gestalten die Altmark mit und holen dabei Geld ins Land.

Ringheiligtum Pömmelte

Der Himmelsweg eines kleinen Ortes in Sachsen-Anhalt.

Sonnenschloss Walbeck ein Solarkraftwerk

Solarkraftwerke und andere Nutzungsideen sollen ein mittelalterliches Denkmal retten.

Betreiberin Marion Schnitzler VierZeithof Bebertal

Der VierZeithof in Bebertal bietet auch im Herbst ein schönes Ausblugsziel.

Hühnermobil in Nonnewitz für ca 250 Hennen

Die Erfolgsgeschichte eines jungen Bauern und seiner zufriedenen Hennen.

Luthertomaten in Wittenberg

Die Wittenberg Gemüse GmbH bereitet die zweite Ernte-Saison vor.

Taubenhaus in Welfesholz

Nach 900 Jahren können Artefakte eines historisch bedeutenden Gefechts gezeigt werden.

Kindertagesstätte Modderkuhl

Das neue Kinder-Eltern-Zentrum „An der Modderkuhl“ in Uchtspringe als Dienstleister und Ort der Begegnung.

Abbotheke vom Hof aus fotografiert

Ein Plätzchen, an dem man bleiben will. Das Ehepaar Schubert wagt mit seinem Dorfladen "Abbotheke" einen zweiten Versuch.

Flurbereinigung Görschen - Erfolgsprojekt ELER

Mithilfe eines Flurbereinigungs- verfahrens wird dem Hochwasser-Chaos begegnet.

Wiederaufgeforstete Flächen mit Mischwald

Warum Mischwälder trotz anfänglicher Schwierigkeiten den Forstbetrieben mehr nutzen.

Schäferhof Langenstein

Auf dem Schäferhof Langenstein gibt es eine Festscheune für Großveranstaltunge.

Kloster Petersberg

Das Kloster auf dem Petersberg ist zu einem beliebten Ausflugsziel geworden.

Schulleiter Frank Keck mit digitaler Tafen in Sekundarschule Hohenmölsen

STARK III sorgt für einen Klimawechsel in der Sekundarschule Hohenmölsen.

Gutshaus Birkholz - Fassade wurde mit Hilfe des ELER erneuert

Birkholz bietet Raum für musikalische Bestleistungen – und das Entspannen danach.

Die Alte Schäferei ist heute ein modernes Bürgerhaus

Durch ein neues Bürgerhaus hat Mosigkau wieder ein Dorfzentrum.

Leiterin der Ökostation Dr. Andrea Finck im Gewächshaus

In der Ökostation Neugattersleben soll eine Region zusammenwachsen.

Wie man mit vielen Fäden einen Sack zubindet

Leader-Aktionsgruppe bei Besichtigung von Stuckdecke
Tagesordungspunkt 1 ist die Besichtigung der eindrucksvollen Stuckdecken.

Der „Kopf“ der Lokalen Aktionsgruppe „Mittlere Elbe – Fläming“ trifft sich in Coswig

(Bianca Kahl, 06.02.2018)

Die Gruppe trifft sich im „Simonetti Haus“ – ein unauffälliges Fachwerkgebäude in Coswig. Tagesordnungspunkt 1: Eine kleine Führung. Schließlich muss man wissen, worüber man spricht. Die Anwesenden blicken staunend nach oben: Ende des 17. Jahrhunderts errichtet und vermutlich auch als Freimaurerloge genutzt, überrascht das Simonetti Haus mit seinem außergewöhnlichen Innenleben. Denn die Zimmerdecken sind mit prachtvollen Stuckarbeiten verziert: Vermutlich kein Geringerer als der Meister Giovanni Simonetti hat sich einst von Alchemie und griechischer Mythologie inspirieren lassen – und die Zimmer mit regelrechten Stuckbildnissen verziert. Lange Zeit waren diese versteckten Kunstschätze von der Öffentlichkeit vergessen.

„Wir hatten ja angeregt, dass man im Simonetti Haus erst mal solche Projekte umsetzt, mit denen man Geld verdienen kann“, erinnert Elke Kurzke die Anwesenden. Elke Kurzke ist eine LEADER-Managerin. Sie arbeitet für die Lokale Aktionsgruppe „Mittlere Elbe – Fläming“ (LAG). Heute hat sich sozusagen der harte Kern der LAG, die Koordinierungsgruppe, zu einer ihrer regelmäßigen Sitzungen getroffen.

Gruppe tauscht sich über fast 60 Projekte aus

Koordinierungsgruppe sitzt am Tisch
Die Koordinierungsgruppe, ein entscheidungsvorbereitendes Gremium der LAG, kommt im Simonetti Haus zusammen.

Elke Kurzke moderiert das Treffen und wirft eine lange Liste via Projektor im Simonetti Haus an die Wand. Als LEADER-Managerin ist sie dafür verantwortlich, Förderprojekte in der Region zu betreuen. Wer eine Idee hat, von der bestenfalls die ganze Region profitieren könnte und auf Fördergelder hofft, der kommt zu ihr. Seien es der Ausbau eines Hotels, die Vermarktung kultureller Güter, ein Dorfgemeinschaftshaus oder die Weiterbildung von Personal im Ehrenamt.

Die lange Liste an der Wand zeigt ebensolche Vorhaben. Die Mitglieder der Koordinierungsgruppe haben sich getroffen, um sich gegenseitig über den aktuellen Stand zu informieren. Derzeit geht es um 59 Projekte und ein Gesamtvolumen von rund 3,8 Millionen Euro EU-Zuweisungen.

Der Verein „Simonetti Haus Coswig (Anhalt)“, zum Beispiel, plant, ein Café unter den Stuckdecken einzurichten. Seit 2007 engagiert er sich dafür, das Bauwerk und sein wertvolles Innenleben vor dem Verfall zu bewahren. Er will das Haus für die Öffentlichkeit nutzbar machen – als Ort der Begegnung und für kulturelle Veranstaltungen. Dabei konnte der Verein schon mehrfach von Fördermitteln profitieren, doch die notwendigen Sanierungsmaßnahmen sind teuer. Nicht selten scheitert es daran, dass man den vorgeschriebenen Eigenanteil nicht aufbringen kann. Denn 100-prozentige Förderungen gibt es bei LEADER nicht.

Von der ersten Idee für ein Vorhaben bis zum positiven Förderbescheid können mitunter Jahre vergehen. Häufig sind viele verschiedene Vorschriften zu beachten und Behörden zu beteiligen. Heute sitzen allein 15 Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Verwaltungen, Einrichtungen und Vereine an einem Tisch.

Jeder ist eingeladen, sich zu engagieren

In einer LAG engagieren sich nicht nur alle Kommunen und Landkreise aus dem betreffenden Gebiet.  Eingeladen sind im Grunde alle Organisationen und Privatleute. Alle gemeinsam entwerfen zunächst eine Entwicklungsstrategie, die die Region als Ganzes voranbringen soll, und klopfen die vielen Vorhaben darauf ab, ob sie in diese Strategie passen. Danach bekommt jedes Projekt einen Platz auf der Prioritätenliste: Was hat Vorrang, was muss noch warten?

Auf diese Weise lassen sich auch leicht mehrere Akteure zusammenbringen und übergreifende Projekte umsetzen. Die LAG „Mittlere Elbe – Fläming“ ist zum Beispiel besonders stolz auf eine neu herausgegebene Broschüre: Das „Fläming-Reisetagebuch“ präsentiert übersichtlich alle Angebote im gleichnamigen Naturpark. Zuvor musste man sich alle einzeln recherchieren. Ein weiteres Mammutprojekt war es, die touristische „Straße der spätgotischen Flügelaltäre“ auf den Weg zu bringen. Sie erschließt die Kunstschätze der vielen kleinen Dorfkirchen für Besucherinnen und Besucher.

Demokratische Entscheidungen für die Region

Elke Kurzke am Computer
Elke Kurzke managt die LEADER-Projekte der LAG „Mittlere Elbe - Fläming".

Alle Abstimmungen und jede Auswahl der Projekte sind demokratisch organisiert. Sämtliche Sitzungen der LAG sind öffentlich. Prinzipiell gilt: „Jeder kann an einer LAG teilhaben – und die Leute machen das alle ehrenamtlich“, stellt Elke Kurzke klar. „Viele von ihnen sind schon von Anfang an dabei, seit 1996 LEADER II in der Region startete. Das sind echte Urgesteine und sie haben viel für ihre Heimat getan.“

Sie selbst arbeitet seit 2009 für die LAG. Als studierte Landespflegerin und mit Berufserfahrungen als Landschafts- und Regionalplanerin kannte sie sich damals zwar schon in Gefilden wie Landschaftsbau, Naturschutz oder Vorschriften für Baugenehmigungen aus. Was sie sich aber neu aneignen musste und auch heute immer wieder auffrischt, ist das Wissen um sämtliche Förderrichtlinien.

„Wenn ich jemanden betreue, dann im Ganzen. Im Grunde versuche ich, die komplette Fördermittelpalette des Landes Sachsen-Anhalt auszuschöpfen“, erklärt sie. „Dann steuere ich vielleicht ein Projekt, das im Rahmen des LEADER-Programmes mit 5 Millionen verzeichnet ist. Am Ende geht es aber um deutlich mehr als 15 Millionen Euro und verschiedene Fördertöpfe.“

Eigentlich war eine LEADER-Managerin bisher „nur“ eine Vermittlerin für Gelder aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER). In der aktuellen Förderperiode kommen Mittel aus den EU-Fonds ESF und EFRE hinzu – das macht ein innovativer Ansatz des Landes Sachsen-Anhalt möglich (siehe Infokasten). Aber Fördertöpfe und Förderprogramme gibt es hierzulande Hunderte. Es kommt nur darauf an, was man genau vorhat und ob die Rahmenbedingungen passen.

Alle Fäden zusammenführen

Stuckdecke vor der Sanierung
Hier ist eine Darstellung vom Zustand einer Stuckdecke vor den bisherigen Sanierungsmaßnahmen zu sehen.

„Viele Dinge sind eben nicht einfach ein Stück Beton“, erklärt Elke Kurzke das Ganze an einem Bauvorhaben. Die Ideen der Akteure vor Ort können viele Bereiche und damit auch viele Fördermöglichkeiten berühren. Im Simonetti Haus spielen neben der Bausubstanz und dem Denkmalschutz auch die Kunst, Kultur sowie soziale Aspekte eine Rolle. Zudem geht es oft auch um die Sicherung oder Schaffung von Arbeitsplätzen. Um bei der Verwirklichung zu helfen, versuchen die LAG und Elke Kurzke, alle Fäden zusammenzuführen und am Ende einen einzigen Strick daraus zu drehen, mit dem sie den jeweiligen Sack zubinden können. 

Für solche Fälle wie den des Simonetti Hauses sei der neue CLLD-Ansatz großartig, findet Kurzke. Denn neben der „Vermischung“ mehrerer Fördertöpfe öffne er auch die Möglichkeit, Projekte gemeinsam mit den Aktionsgruppen anderer Regionen oder sogar über internationale Kooperationen zu verwirklichen. Der begnadete Stuckateur Giovanni Simonetti hat nämlich nicht nur in Mitteldeutschland, sondern auch in Städten im heutigen Tschechien und Polen gewirkt. Da winken viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Doch wie gesagt: Ohne Eigenmittel geht leider nichts. Der Verein muss sich also zunächst nach anderen Geldquellen umschauen. Erst dann lohnt der Blick in die große Palette der Fördertöpfe.

www.mittlere-elbe-flaeming.de

Info: LAG und LEADER

Eine Lokale Aktionsgruppe (LAG) entwirft die von der örtlichen Bevölkerung betriebene Strategie für lokale Entwicklung (LES) und führt sie durch. Sie setzt sich aus Vertretern lokaler öffentlicher und privater sozioökonomischer Interessen zusammen. Dabei sind auf der Ebene der Beschlussfassung weder Behörden im Sinne der nationalen Vorschriften noch eine einzelne Interessengruppe mit mehr als 49 Prozent der Stimmrechte vertreten.Die LAG „Mittlere Elbe – Fläming“ ist eine von 23 solcher Regionen in Sachsen-Anhalt. Sie umfasst Teile der Landkreise Wittenberg, Jerichower Land, Anhalt-Bitterfeld sowie der kreisfreien Stadt Dessau-Roßlau.Sachsen-Anhalt profitiert bereits seit 1991 von dem besonderen europäischen Förderansatz LEADER, mit dem ländliche Gebiete in der Europäischen Union unterstützt werden. Die aktuelle Förderperiode reicht von 2014 bis 2020. Hier geht das Land mit dem sogenannten CLLD-Ansatz neue Wege.Die Abkürzung CLLD steht für „Community-Led Local Development”, also lokale Entwicklung, die von der Bevölkerung selbst vorangetrieben wird. Nach dem Bottom-up-Prinzip, also von der Basis her, sollen Strategien für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Gestaltung der Region entworfen werden. Für die Förderung konkreter Projekte stehen dann u. a. Mittel aus den drei EU-Fonds ELER, EFRE und ESF zur Verfügung.

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Dem Wasser Einhalt gebieten

Deich Klossa bei Sonnenuntergang
Die Schwarze Elster bei Löben.

Stabilere Deiche sollen die Dörfer an der Schwarzen Elster besser schützen

(Klaus-Peter Voigt, 25.01.2018)

Entlang der Schwarzen Elster haben sich die Siedlungen seit Jahrhunderten auf immer wiederkehrendes Hochwasser eingestellt. Wer am Fluss lebt, weiß um den Fluch und den Segen der Naturereignisse. Auf der einen Seite bringt das über die Ufer tretende Wasser Nährstoffe mit sich, die sich auf den Weideflächen ablagern. Zum anderen sind stets auch schwere Schäden an Wohnhäusern, Stallungen und Werkstätten zu beklagen, selbst Menschenleben wurden immer wieder gefordert.

Immer wieder stieg der Wasserlauf extrem an

Der Fluss selbst hat seine Quelle im Lausitzer Bergland. Sie liegt etwa 1,5 Kilometer südlich der zu Elstra gehörenden Ortschaft Kindisch. Von dort aus fließt die Schwarze Elster in Richtung Norden und ändert ab Hoyerswerda ihren Lauf nach Westen. Bei Elsterwerda passiert sie die mit sieben Kilometern engste Stelle des Breslau-Magdeburger Urstromtals, um dann in der Elbe-Elster-Niederung Städte wie Bad Liebenwerda, Herzberg und Jessen zu passieren. Beim Flusskilometer 198,5 nahe der Gemeinde schließlich mündet die Schwarze Elster in die Elbe.

In den Jahren 2010, 2011 und 2013 stieg der Wasserlauf wieder extrem an. Die Fluten richteten große Schäden an. Im Juni 2013 gab der Elsterdeich bei Schweinitz den Belastungen durch den ansteigenden Fluss nach. Der Wasserstand von 3,04 Metern am Pegel Löben lag höher als im Herbst 2010 und im Frühjahr 2011. Der Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) Sachsen-Anhalt hatte damals schon mit großangelegten Maßnahmen begonnen, um dem Wasser künftig besser Einhalt gebieten zu können. An 22 Stellen des Dammes wurden inzwischen Zufahrtsstraßen gebaut oder ertüchtigt. Hindernisse, die einen ungehinderten Wasserfluss störten, sind größtenteils beseitigt. Viel sogenannter Verwuchs musste mühsam entfernt werden, sagt LHW-Projektleiterin Barbara Gurschke. Es galt und gilt an einigen Stellen noch, die Deiche besser erreichbar zu machen und Verbindungswege zu ertüchtigen.

Deichabschnitte bei Klossa bringen Schwierigkeiten mit sich

Arbeiter bauen am Siel
Arbeiter bauen am Siel, das den Wasserausgleich bei steigenden Fluten künftig regulieren soll.
Deich und LKW, Deichausbau bei Löben
Bei Löben wird der Deich entlang der Schwarzen Elster ausgebaut.

Ganz oben in der Prioritätenliste stehen bei den zahlreichen Aufgaben die Abschnitte bei Klossa. Seit 2016 arbeiteten die Fachleute mit Hochdruck daran, den dritten Bauabschnitt des Deiches dort fertigzustellen. Kein leichtes Unterfangen, zumal dabei viele Dinge zu beachten waren. Archäologen untersuchten baubegleitend den Boden, entdeckten dabei letztlich Sachzeugen der Eisenzeit, in der unsere Vorfahren dort schon siedelten. Hauptziel allerdings ist die grundlegende Sanierung der alten Deiche, die in den 1960er Jahren und früher entstanden. Nicht nur, dass diese Bauwerke nach heutigen Erkenntnissen zu niedrig waren, auch das in ihnen verwendete Material entsprach nicht mehr den Anforderungen der Gegenwart, erläutert Barbara Gurschke.

Auf der Straßenbrücke direkt an der Ortschaft Löben stehend, zeigt sie auf den Flusslauf. „Deichhöhe, Kronenbreite und Böschungsneigungen mussten hier verändert werden. Die Wälle waren teilweise durchlässig. Alte Sickerwasserstellen zeugten von den Schwachpunkten, die irgendwann einen Deichbruch auslösen könnten“, erläutert sie. Im dritten Bauabschnitt wurde das grundlegend verändert. Die Standsicherheit ist nunmehr gesichert. Jetzt steht an dieser Stelle auf einer Länge von knapp 1,8 Kilometern ein Zweizonendeich, bei dem der wasserseitige Abschnitt aus dichterem und damit undurchlässigerem Material besteht. Daran schließt sich luftseitig ein durchlässiges Material an, um anfallendes Sickerwasser schnell abführen zu können. Wichtig für den Erosionsschutz ist die Ausbildung einer flächendeckend intakten und gesunden Grasnarbe. Um sie zu schaffen, erhielt der Deich durchgängig eine 30 Zentimeter dicke Bodenschicht. Zudem entstand ein befahrbarer Deichverteidigungsweg. Drei Meter breit und mit Betonverbundgroßpflaster befestigt entspricht er den Anforderungen des Hochwasserschutzes. Ein Siel, ein verschließbarer Gewässerdurchlass, entstand zudem. Über dieses Bauwerk kann das Binnenland nach Hochwasser oder starkem Regen unkompliziert wie bei einem Ventil entwässert werden. Die Einwohner von Löben, Klossa und Schweinitz können künftigen Hochwässern gelassener entgegensehen. Für rund 2,4 Millionen Euro hat Sachsen-Anhalts Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft eines der Projekte seines breit angelegten Programms zum Hochwasserschutz im Osten des Bundeslandes eingesetzt. Zu den Fördermitteln aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) in Höhe von rund 1,8 Millionen Euro kamen weitere vom Land (240.000 Euro) und vom Bund (360.000 Euro).

www.lhw.sachsen-anhalt.de

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Stau auf der Querfurter Platte

Hochwasserrückhaltebecken Querfurt

In ein neues Hochwasserrückhaltebecken fließen große Investitionen

(Klaus-Peter Voigt, 30. Januar 2018)

Fruchtbar ist der Boden auf der Querfurter Platte. Eines der größten Löss-Schwarzerdegebiete in Sachsen-Anhalt zeigt sich überwiegend als offene Agrarlandschaft und fast komplett waldfrei. Die Muschelkalktafel steigt vom Nordosten zum Südwesten hin von 110 bis 120 Meter auf bis zu 240 Meter über Normalnull an. Durch die geologischen Verhältnisse erreicht das Gebiet, das sich über drei Landkreise erstreckt, nur eine eher bescheidene Oberflächenentwässerung. Das geht einher mit einer geringen Flussdichte.

Kleiner Fluss Querne sorgt für große Probleme

ELER-Bauschild zum Hochwasserrückhaltebecken Querfurt
Ein Schild erläutert das Bauprojekt und verweist auf die Förderung durch den ELER und das Land Sachsen-Anhalt.

Das Areal, das unter anderem an das Unstruttal grenzt, gibt sich eher gelassen. Doch diese Ruhe täuscht. Bei starken Regenfällen oder der Schneeschmelze im Frühjahr kann das gerade einmal zwölf Kilometer lange Flüsschen Querne, das nur wenige Kilometer diesen Namen trägt und sich später als Weida durch die Landschaft schlängelt, den Menschen Kopfzerbrechen machen. Mit seinen plötzlich ansteigenden Fluten sorgt es dann für erhebliche Schäden. In Querfurt, das möglicherweise der Querne seinen Namen verdankt (Furt über die Querne), weiß man um diese Gefahren. 1994 stieg das Wasser so heftig über die Ufer, dass die Altstadt teilweise bis zu 1,50 Meter hoch überflutet war. Die Katastrophe mit ihren Sachschäden in Millionenhöhe ist den Menschen nach wie vor in Erinnerung.

Mit einem immensen Bauprojekt sollen künftig solche Ereignisse weitestgehend der Vergangenheit angehören und die Stadt einen bestmöglichen Schutz erhalten. Bis Ende 2018 entsteht im Schatten der Burg Querfurt ein Hochwasserrückhaltebecken. „Es begrenzt künftig den maximalen Abfluss der Querne bei ansteigenden Fluten auf sieben Kubikmeter pro Sekunde und minimiert damit die Gefahren für die Region“, sagt Burkhard Henning, Geschäftsführer des Talsperrenbetriebs Sachsen-Anhalt. Auf ein sogenanntes hundertjähriges Hochwasser wäre man mit der Fertigstellung vorbereitet. Fast 3,4 Millionen Euro kostet das gesamte Projekt, das komplett gefördert wird. Allein aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) kommen rund 2,5 Millionen Euro; das Land Sachsen-Anhalt beteiligt sich mit 335.000 Euro und gut 500.000 Euro stehen aus Bundesmitteln zur Verfügung. 

Bis zu 350.000 Kubikmeter Wasser lassen sich anstauen

Hochwasserrückhaltebecken Querfurt Stahlbeton
Das Herzstück des künftigen Hochwasserrückhaltebeckens besteht aus Stahlbeton und erreicht eine Höhe von sieben Metern.

Die Planungen haben sich am natürlichen Geländeprofil im Quernetal zwischen Lodersleben und Querfurt orientiert. Seit 2016 entsteht dort die 35. Stauanlage im Landeseigentum zwischen Arendsee und Zeitz. Das Gesamtstauvolumen aller Talsperren in Sachsen-Anhalt beträgt mehr als 191 Millionen Kubikmeter. Der Staudamm, der diese Funktion erst bei Hochwasser übernimmt, erreicht eine Höhe von sieben Metern. Seine Länge beträgt 140 Meter, die Breite 60 Meter. Im Extremfall liegt das Fassungsvolumen bei bis zu 350.000 Kubikmetern Wasser, die sich auf einer Länge von rund zwei Kilometern anstauen lassen, erläutert Burkhard Henning. Man sei froh, dass es gelinge, das Bauwerk harmonisch in die Landschaft einzufügen. Kernstück des begrünten Damms ist ein Durchlass aus Stahlbeton. Um ihn errichten zu können, wurde die Querne im Bereich der Baustelle zeitweise umgeleitet. 

Beim Betrieb des neuen Hochwasserrückhaltebeckens setzt der Talsperrenbetrieb auf modernste Technik. Die Spezialisten in der Gebietsstaumeisterei Süd können sich von Kelbra aus per Kameraüberwachung rund um die Uhr vom Zustand der Anlage überzeugen, Steuerhandlungen erfolgen im Regelfall vor Ort. Wie bei solchen Anlagen vorgeschrieben, erfolgt zudem ein Mal im Monat eine Funktionsprobe an Ort und Stelle.

www.talsperren-lsa.de

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Ein Paket für mehr Bildung und Bewegung

Waldhaus am Bergwitzsee, Insektenhotel

Das Waldhaus am Bergwitzsee lädt zu einer Entdeckungstour in der Natur.

(Klaus-Peter Voigt, 17.01.2018)

In der warmen Jahreszeit übt der 180 Hektar große Bergwitzsee im Osten Sachsen-Anhalts eine fast magische Anziehungskraft aus. Wassersport, Reiten, Angeln, Minigolf –Erholungssuchende haben das kleine Paradies fest in Beschlag genommen. Der einstige Braunkohletagebau machte seit seiner Stilllegung 1955 eine gründliche Veränderung durch. In den 1960er Jahren begann die Rekultivierung des gesamten Areals. Dazu gehörte, dass das Restloch geflutet wurde.
Als Naherholungsgebiet scheint der See aus der Region nicht mehr wegzudenken. Das Bergwitzsee Resort lädt dort Gäste ein; ein langer Strand lockt Badelustige an, hüllenlos. Der Europaradwanderweg R1 sowie der Radweg Berlin – Leipzig führen am See vorbei.

Vom Schandfleck zum Haus der Generationen

Insektenhotel
Insektenhotels ermöglichen Naturbeobachtungen.

Heidrun Weise gerät schnell ins Schwärmen, wenn sie von der touristischen Anziehungskraft des Landstrichs erzählt. Die engagierte Seniorin ist in Bergwitz zu Hause, hat ein gerütteltes Maß der Entwicklung miterlebt und mitgestaltet. Als Vorsitzende des Vereins „Elbaue-Heideregion-Kemberg“ e.V. hat sie sich einem ganz besonderen Projekt verschrieben. Das Waldhaus, nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem außergewöhnlichen Bildungs- und Bewegungszentrum entwickelt. Ursprünglich als Sauna kurz vor der politischen Wende in der DDR errichtet, ging es nach 1990 langsam in den Wirren der Marktwirtschaft unter, verfiel zusehends. „Diese Dreckecke störte uns gründlich“, erzählt Heidrun Weise. Am herrlichen See war sie ein doppeltes Ärgernis. Durch die Gründung der Einheitsgemeinschaft im Jahr 2012 als „Landstadt und Grünes Zentrum“ der Region begann eine Änderung der Situation. Die Kommune Kemberg mit ihren 14 Ortsteilen und rund 10.000 Einwohnern hatte einen Partner für die Entwicklung des Geländes gefunden. Die Diplomlehrerin im Ruhestand brannte für die Idee, Angebote speziell für Kinder und Jugendliche zu entwickeln, ihnen spielerisch Wissen zu vermitteln und Bewegung zu fördern. Darüber hinaus sollte das Waldhaus von Anfang an für alle Generationen offenstehen.

Kindergruppen geben sich die Klinke in die Hand

7-Sinne-Baumhaus
Das 7-Sinne-Baumhaus lädt zur Bewegung und zum Raten ein.

Heute wird es zunehmend schwerer, dort freie Termine zu bekommen. Stück für Stück hat es sich zu einem einzigartigen Bildungs- und Bewegungszentrum gemausert. Eine interaktive Ausstellung bietet den Jüngsten die Möglichkeit, einmal ganz ohne Smartphone und Computer die Umwelt zu entdecken. In den Räumen erfahren sie bei aktiver Beschäftigung Wissenswertes über die Elbauen und den Naturpark Dübener Heide, zu Handwerk und Industrie in den umliegenden Ortschaften. Schulklassen und Kindergartengruppen geben sich seit 2014 die Klinke in die Hand. Inzwischen bietet das Waldhaus einen ganz bunten Strauß von Veranstaltungen an. Abschluss- oder Klassenfeiern von Grundschulen sind ebenso möglich wie Bastelnachmittage oder Kindergeburtstage. Alles funktioniert im Wesentlichen über das Ehrenamt. Und darüber hinaus sind es Seniorengruppen, die sich treffen, oder Urlauberinnen und Urlauber vom nahen Bergwitzsee, die während der regulären Öffnungszeiten vorbeischauen.Seit dem vergangenen Jahr zeigt sich das Außengelände des Waldhauses ansehnlich neugestaltet. Für mehr als 80.000 Euro wurde es hergerichtet. Rund 64.000 Euro davon stammen aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER), 6.000 Euro von der Stadt Kemberg und weitern Sponsoren, wie der Volksbank Dessau-Roßlau. Möglich macht die Förderung die Richtlinie LEADER und CLLD des Ministeriums der Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt. Sie bildet die Grundlage dafür, dass Lokale Aktionsgruppen, wie hier die Lokale Aktionsgruppe Dübener Heide, bei innovativen und gemeinsamen, gebietsübergreifenden Projekten aus verschiedenen Fonds der EU unterstützt werden können. Damit werden sie in die Lage versetzt, für ihre Region strategisch wichtige Projekte umzusetzen.

Ein Labyrinth im Biberbau

Heidrun Weise vor Biberbau des Bergwitzer Waldhauses
Heidrun Weise vor dem Biberbau des Bergwitzer Waldhauses.

Das Ergebnis: In Bergwitz sind eine Biber-Spielburg, ein 7-Sinne-Baumhaus sowie ein Kletter- und Balancierwald auf dem Waldaktivspielplatz entstanden. „Damit können wir ein richtiges Paket anbieten, das Bildung und Bewegung für die Mädchen und Jungen verknüpft. Das kommt sehr gut an“, berichtet die 74-jährige Vereinschefin. Sie zeigt auf den Biberbau. In dem rollstuhltauglichen Labyrinth können Gruppen gemeinsam agieren. Im Laufe der Jahre soll der von dicken Stämmen geprägte Tunnel weiter begrünt und inhaltlich gestaltet werden. An den Insektenhotels in unmittelbarer Nachbarschaft sind Naturbeobachtungen möglich. Im 7-Sinne-Baumhaus lassen sich Aufgaben zur Flora und Fauna der Region lösen. Viele der kleinen und großen Rätselfreundinnen und -freunde zeigen sich beispielsweise überrascht, dass der Mensch das Lebewesen ist, das im Wald den größten Lärm verursacht. Für Heidrun Weise hat das Waldhaus keinen abgeschlossenen Status. Mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern werden bereits die nächsten Pläne geschmiedet. Das Gelände hat noch jede Menge Potenzial.

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Fliesensaal und Rosengarten

Banner: Herrenhaus Karow mit Informationstafel
Das Herrenhaus im Wandel der Zeit – und mit seinem heutigen Gesicht, das dank mehrfacher Unterstützung aus dem ELER entstehen konnte.

Im Karower Schloss lebt der Glanz aus alten Tagen wieder auf

(Bianca Kahl, 24.11.2017)

„Manches hier ist schon immer so gewesen, wie es jetzt ist“, sagt Birgit Baumgärtel. Sie steht auf ihrer Terrasse in Karow und blickt in den Schlosspark, wo der Hausmeister gerade mit einer Schubkarre im Gange ist. „So ähnlich ist es auf einem alten Kupferstich zu sehen: Der Gärtner bei der Arbeit im Park“, schmunzelt sie.

Vor elf Jahren zogen Birgit und Heinrich Baumgärtel aus der Nähe von Hamburg auf den alten Karower Gutshof. Damals bewohnten die beiden nur drei Zimmer im Obergeschoss des Herrenhauses und arbeiteten sich von dort aus langsam vor. Das ganze Gebäude eine Baustelle: Fenster, Türen, Wände und Fußböden mussten erneuert, alle Dächer frisch gedeckt, Heizung, Strom, Sanitär neu installiert werden. Die Sanierung der Fassaden ist noch immer nicht komplett geschafft.

Die Natur im Wintergarten

Die farbenfrohen Wände im prächtigen Wintergarten bemalte ihre Tante mit Motiven aus der Natur: Storch, Pfau und Fasan, Rose, Fingerhut und Glockenblumen. Die große Küche – ein traumhafter Fliesensaal in Weiß und Blau.

„Wir wussten anfangs gar nicht, dass hier einmal ein Fliesensaal gewesen ist. Dann habe ich draußen beim Einpflanzen meiner Rosen immer wieder Bruchstücke aus blau-weißer Keramik gefunden und nachgeforscht“, erzählt Birgit Baumgärtel. Nach vielen Mühen erhielt das Ehepaar Baumgärtel die historischen Fliesen aus dem Kreismuseum des Jerichower Landes. Sie waren zu DDR-Zeiten von den Wänden geschlagen worden. Die Jahrhunderte alte Innenausstattung wurde dem Pragmatismus geopfert, denn das Gebäude hat viele Jahre lang als Schule, später als Jugendclub gedient. Der örtliche Kindergarten ist noch heute im Ostflügel beheimatet.

Das Ehepaar Baumgärtel hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Gutsanlage nicht nur zu erhalten, sondern auch etwas vom früheren Glanz wieder aufleben zu lassen. Es gibt eine historische Fotografie mit märchenhaften Türmchen, doch so weit muss es gar nicht gehen. Den einstigen „Pleasureground” an der Südseite, eine schöne Rasenfläche mit weißem Kies, möchten die beiden hingegen wiederherstellen – inklusive Blumenkübel und Wasserfontäne als barockes Relikt.

Bis zum Krieg das Zuhause von Grafen

Eine Gruppe Menschen unterwegs auf dem Gelände des Herrenhauses Karow
Heinrich und Birgit Baumgärtel führen eine Gruppe Interessierter über das Gelände.

Karow war bereits im Mittelalter als Rittergut bekannt. Das heutige Herrenhaus errichtete der Freiherr Marquard Ludwig von Printzen Anfang des 18. Jahrhunderts im barocken Stil. Kürzlich fuhr im Ort ein großer Reisebus vor: Eine Gruppe Geschichts- und Kulturinteressierter hielt auf ihrer Rundreise zu Burgen und Schlössern Sachsen-Anhalts. Während der Führung fiel auch der Name des Bauherrn „von Printzen” und sogleich ging ein anerkennendes Raunen durch die Runde. Die Mitglieder der Denkmalschutzinitiative Deutsche Burgenvereinigung e.V. wussten sofort, was man normalerweise erst erklären muss: Bei diesem Mann handelte es sich um die rechte Hand des preußischen Königs. Die Region profitierte enorm von seinem Einfluss und er rettete nicht nur das Rittergut vor dem Verfall.

Später ist es in den Besitz der Grafenfamilie von Wartensleben gekommen, die nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich enteignet wurde. Im Laufe der Generationen hatte die Familie den herrlichen Park mit seinen Lindenalleen angelegt und eine Kartoffelbrennerei errichtet. Der neugotische Bau dient heute oft als Veranstaltungsort. Zum Karower Weihnachtsmarkt werden darin Kerzen gezogen und Apfelpunsch ausgeschenkt. Nebenan wartet Birgit Baumgärtel jedes Jahr aufs Neue als Hexe verkleidet im Holzhaus mit selbstgebackenen Lebkuchen auf dem Dach. Die Kinder müssen dann erst durch einen dunklen Wald aus aufgesteckten Tannenzweigen und vorbei an ausgestopften Tieren, wenn sie ihr die Süßigkeiten stehlen wollen.

Gestaltungssinn mit Hilfe aus der EU

Die Terasse des Herrenhauses Karow mit einem Pfau auf der Mauer und einem Menschen mit Regenschirm
Ein Bild wie im Märchen: Auf der Terrasse kann man schon mal einem Pfau begegnen.

Birgit Baumgärtel ist in die Küche mit den blauweißen Fliesenwänden gegangen. Die Haushaltshilfe bereitet dort Häppchen für einen Besuch vor: Hüttenkäse und selbst gemachte Hirschsalami. Unterm Tisch schläft der alte Hund, über die Terrasse spaziert ein Pfau. Heinrich Baumgärtel ist von der Arbeit nach Hause gekommen und macht sich sogleich wieder an die Arbeit: Heute steht das Düngen einiger Bäume auf dem Plan.

Seit Jahren investiert die Familie Baumgärtel viel Zeit und Energie in den Erhalt der Anlage. Immer wieder konnte sie dabei auch von Fördergeldern aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) profitieren. Zum Beispiel 2016, als das Ehepaar Dach und Fassade am Westflügel des Herrenhauses erneuern ließ. Über das Programm LEADER erhielt es hierfür eine Förderung in Höhe von rund 40.000 Euro aus dem ELER.

Ein Haus für die Familie

Kartoffelbrennerei auf Gut Karow, neugotischer Bau
Auch die alte Kartoffelbrennerei, ein neugotischer Bau, wurde saniert und dient heute oft als Veranstaltungsort.

Vom Engagement der Baumgärtels profitieren auch die Anwohnerinnen und Anwohner: Der 20 ha große Park ist öffentlich zugänglich. Es gibt mehrere Ferienwohnungen, die Auswärtige in den Ort locken. Und das Ehepaar Baumgärtel lässt sich immer wieder etwas Neues einfallen, um gemeinsam mit dem Heimatverein den Ort zu beleben.

„Wir wollen, dass möglichst viele Menschen etwas vom Erhalt des Gutshofes haben”, sagt Birgit Baumgärtel, die Mutter von drei erwachsenen Kindern. „Doch vor allen Dingen machen wir das alles für unsere Familie. Das Gut soll ein Mehrgenerationenhaus sein – so, wie es immer war.”

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Europa-Rosarium - Die Verwalter der Schönheit

Rosen aus dem Rosarium

Das Europa-Rosarium in Sangerhausen erhält Tausende Rosensorten

(Bianca Kahl - 20.09.2017)

Eine Dame beugt sich anmutig zu üppigen, rosafarbenen Blüten hinab und schnuppert an ihnen. Ihr Mann fotografiert es. „Sharifa Asma“ steht auf einem Schildchen vor dem Rosenstrauch – eine pflegeleichte, englische Sorte, die mehrmals im Jahr blüht und dabei nach Trauben und Maulbeeren duftet. „Schau mal, wie bei Rosamunde Pilcher“, sagt währenddessen eine Seniorin zu ihrem Partner und zeigt auf die rote Backsteinskulptur einer Frau mit lockigem Haar und Rosenbouquet in den Händen. Dahinter eilt ein Mann mit Klemmbrett vorbei. Es ist Thomas Hawel, der Leiter des Europa-Rosariums in Sangerhausen.

Gerhild Schulz und Thomas Hawel im Rosengarten
Gerhild Schulz und Thomas Hawel sind verantwortlich für das Projekt „Genbank Rose“, das aus dem ELER gefördert wird.

Der Arbeitsplatz von Thomas Hawel ist einer der schönsten Gärten Deutschlands: rund 8 200 verschiedene Rosensorten und etwa 450 Wildrosenformen auf 13 Hektar – die mit Abstand größte Sammlung der Welt. Der Mann ist umgeben von Farbenpracht, süßen Düften und Blüten, die mitunter so groß wie Kohlköpfe werden können. Doch während jedes Jahr bis zu 120 000 Gäste an den Führungen teilnehmen, die vielen Veranstaltungen besuchen oder einfach durch die Schaugärten flanieren, geht es hinter den Kulissen weniger genüsslich zu. „Unsere Arbeit ist es, die genetischen Informationen zu erhalten“, erklärt Thomas Hawel nüchtern. Mit seiner Mitarbeiterin Gerhild Schulz trifft er sich vor dem Rambler „White Flight“: Übersät mit kleinen weißen Blüten rankt sich die Pflanze an mehreren Fichtenstämmen empor, die in Form einer Pyramide aufgestellt sind – ein typisches Bild in Sangerhausen.

Genetische Informationen erhalten

Thomas Hawel und Gerhild Schulz sind verantwortlich für die „Genbank Rose“, eine Art Bibliothek des Lebens, die stetig wächst. Bisher enthält und erhält sie die genetischen Informationen von etwa 3000 Rosensorten – in Form von lebenden Pflanzen. „Die Genbank ist hier“, sagt Thomas Hawel und zeigt um sich in das Blütenreich. Bis zu 70 botanische Merkmale nehmen die beiden über das Jahr von den Pflanzen auf – von der Bestachelung der Zweige bis hin zu den Eigenschaften der Hagebutten. Alles wird notiert, fotografiert und archiviert. „Außerdem brauchen wir den sogenannten Herbarbeleg. Dafür sammeln wir Teile der Pflanze. Das kann man sich wie beim Herbarium in der Schule vorstellen“, erklärt Hawel. Gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Pflanzengenetik in Gatersleben macht es das Rosarium möglich, dass sich Wissenschaftler aus der ganzen Welt Pflanzenteile einer Rosensorte anfordern können. Sie schneiden sich dann kleine Partikel mit dem Skalpell ab, um sie genetisch zu untersuchen.
Solche Genbanken hat die internationale Staatengemeinschaft auf der ganzen Welt aufgebaut, um die Informationen für die Nachwelt zu erhalten. „Alles, was für die menschliche Ernährung wichtig ist, ist bereits gesichert“, so Thomas Hawel. „Also dachte man sich, dass man nun mit Zierpflanzen anfangen könnte.“ Weil die Rose wirtschaftlich am bedeutendsten und gleichzeitig sehr vielfältig ist, steht sie ganz oben auf der Liste.

 

 

Rosen im Europa-Rosarium Sangerhausen
Mehr als 8 600 Rosensorten und -arten beherbergt die Anlage. Rund 3 000 davon wurden bereits in die Genbank aufgenommen, um die genetischen Informationen zu erhalten.
Rosen im Europa-Rosarium Sangerhausen

Die Rettung der Rose

Bereits in der Vergangenheit setzte sich das Rosarium für die Rettung der Rosen ein. Es wurde im Juli 1903 gegründet, um alte Sorten vor dem Aussterben zu bewahren. Damals waren die chinesischen Gartenrosen gerade dabei, die europäischen Sorten vom Markt zu verdrängen, denn sie blühten mehrmals im Jahr und eroberten die Herzen mit einer größeren Vielfalt an Farben. Doch die einst importierten Sorten und ihre Hybride sind oft auch empfindlicher gegen Krankheiten und Frost.
Hawel steht vor einem Beet mit Rosenstöcken, das nicht gerade zu den Publikumsmagneten gehört: Die Pflanzen sehen relativ mickrig und teilweise auch ziemlich angegriffen aus. „Oft fragen uns die Leute, warum wir diese Pflanzen hier stehen lassen. Doch das steht gar nicht zur Diskussion. Alles, was einmal Eingang in die Sammlung gefunden hat, wollen wir auch erhalten“. Dafür nehmen die 34 Mitarbeiter viele Mühen auf sich. Das Rosarium hat außerhalb des Schaugartens einen großen Acker gepachtet, auf dem 14 000 Rosen veredelt werden: für die Nachpflanzungen. Ganz seltene Sorten stehen gleich an mehreren Standorten.

Der ELER hilft, die Genbank zu erhalten

Rosen im Europa-Rosarium mit Besuchern im Hintergrund
Bis zu 120 000 Besucherinnen und Besucher im Jahr kommen nach Sangerhausen, um das Europarosarium zu besichtigen.

Außerdem gibt es „doppelte Böden“ für den Fall, dass doch einmal eine Rosensorte in Sangerhausen eingeht: Die Einrichtung arbeitet mit vielen Partnern wie dem Bundessortenamt Hannover, dem Deutschen Rosarium in Dortmund und Europas Rosengarten im pfälzischen Zweibrücken zusammen. An mehreren Orten gedeihen Ableger von Rosen aus der Sangerhausener Sammlung, auch in Privatgärten: „Es gibt Leute, die zum Beispiel in der Sparkasse arbeiten, aber sich aus einer Leidenschaft heraus ihr Leben lang auf die Züchtung von Portlandrosen spezialisiert haben. Denen vertrauen wir auch unsere Sorten an.“ Bei Bedarf bitten die Fachleute dann darum, einen Steckling zurück zu erhalten.
So kommt es, dass hier die Anzahl der Rosensorten über die Jahre nicht etwa schrumpft. Im Gegenteil: Jedes Jahr wird die Sammlung erweitert. „Das Rosarium hat zwei Weltkriege und die DDR überlebt. Die finanziellen Ressourcen waren also schon immer knapp. Trotzdem sind wir mit der Zeit immer größer geworden“, sagt der Leiter, dem man den Stolz anmerkt: „Es ist eine große Leistung, dass sich eine kleine Stadt wie Sangerhausen solch einen Rosengarten als Aushängeschild bewahrt." Unterstützung erhält die Stadt dabei aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER): Sechs Jahre lang kommen dem Rosarium insgesamt rund 460.000 Euro zugute, um die Genbank zu erhalten und auszubauen.
Dies wissen Rosenliebhaberinnen und -liebhaber aus der ganzen Welt zu schätzen. Es gibt Gäste, die eigens aus den USA oder aus Japan anreisen, um eine Woche in Sangerhausen zu verbringen. Als „Mekka der Rose" bezeichnete es gar der Weltverband der Rosengesellschaften. Internationale Kooperationen ermöglichen unter anderem den wissenschaftlichen Rat der University of London und des größten deutschen Fachhändlers Kordes Rosen.

Der Name der Rose und ihre Sortimentsnummer

Gerhild Schulz und Thomas Hawel gehen zurück in ihr Büro im Verwaltungsgebäude. Eine schmale Wendeltreppe führt hinauf in ein abgelegenes Zimmer. Doch hier oben schläft nicht etwa Dornröschen. Gerhild Schulz zeigt an ihrem PC, was mit den vielen Informationen passiert, die sie im Rosarium sammelt: Sie werden in einer großen Datenbank online gestellt, in der jeder nachrecherchieren kann. Dass Damaszener Rosen für Duftöle verwendet worden sind, Hundsrosen eher in den Wäldern wachsen und Kartoffelrosen eigentlich aus Ostasien kommen und an den deutschen Stränden die einheimischen Dünenrosen verdrängen – das kann man hier leider noch nicht nachlesen. Es sind Themen, über die Thomas Hawel aus dem Stegreif referiert. Doch wer unter http://datenbank.europa-rosarium.de den Namen der Rose eingibt, für die er sich interessiert, erfährt ihre wichtigsten Eigenschaften. Außerdem die Verwendung, den Züchter und eine dreigliedrige Sortimentsnummer, die Herkunft und Standorte anzeigt – für die besonders leidenschaftlichen Zahlenliebhaber.
Die meisten Menschen hingegen werden fasziniert bleiben vom Aussehen der Rose. Sie lassen sich eher von ihrem Duft und ihrer Schönheit dazu verführen, diese mannigfaltigen Blumen zu erhalten. An der Wand in Gerhild Schulzes Büro hängt ein Poster. „Vielfalt ist verführerisch“ steht darauf. Man sieht einen Apfel, der aus unterschiedlich aussehenden Scheiben besteht. Nicht nur die Gattung Rosa L. gibt es in verschiedenen Arten und Sorten.

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Uhrenturm Hettstedt - Mit der Zeit nimmt der Tourismus Fahrt auf

Uhrenturm und Schild Hettstedt Kupferkammerhütte

Ältester Schmalspurbahnhof Deutschlands hat wieder einen Uhrenturm

Mansfelder Bergwerksbahn
Eine Fahrt mit der Mansfelder Bergwerksbahn begeistert Groß und Klein.

(Bianca Kahl - 23.08.2017)

Noch gilt es als Geheimtipp unter echten Eisenbahnfans: Eine Fahrt mit der ältesten noch betriebenen Schmalspurbahn Deutschlands. Doch diese Eisenbahnfans kommen mittlerweile sogar aus England und den Niederlanden: Am Bahnhof Klostermansfeld in Benndorf fahren schon mal ganze Reisebusse vor, um in die denkmalgeschützte Mansfelder Bergwerksbahn einzusteigen. Elf Kilometer des alten Schienennetzes sind noch erhalten: Sie führen nach Hettstedt zur ehemaligen Kupferkammerhütte. Samstags 15 Uhr fährt sogar ein Regelzug von Benndorf nach Hettstedt – und zurück.

Von Anfang an der Endpunkt

Marco Zeddel an der Bergwerksbahn
Marco Zeddel vom Mansfelder Bergwerksbahn e.V. präsentiert eine Dampflok des Vereins.

„Viele Einheimische wissen gar nicht, dass an der früheren Schmelzhütte in Hettstedt ein Zug fährt. Dabei startet er dort schon seit 1880”, sagt Marco Zeddel vom Mansfelder Bergwerksbahn e. V. Der Verein hat sich 1991 gegründet, um die letzten Kilometer des Schienennetzes zu retten und die Bahn für den Tourismus wieder zu beleben.

Vom Gebäudekomplex der Kupferkammerhütte in Hettstedt, einem Schmelzwerk aus dem 17. Jahrhundert, steht heute nur noch der historische Bahnhof. Er stellte von Anfang an den Endpunkt der Schmalspurbahn dar. Die Züge brachten das Kupfer aus den nahe gelegenen Kupferschächten zur Schmelzhütte. Bald wurde die Bahn auch für den Personenverkehr erweitert. Ein Bahnnetz von etwa 100 Kilometern entstand, wenngleich die Strecken über die Jahre variierten: Ein Schacht lieferte zehn bis dreißig Jahre lang Kupfer. Gab es nichts mehr zu fördern, mussten die Schienen zu einem anderen verlegt werden. Einige Schächte wurden ab 1871 sogar mit Seilbahnen bedient. Es stellte sich aber heraus, dass sie zu teuer und unflexibel waren.

2007 begann der Verein, den ältesten Schmalspurbahnhof Deutschlands in Hettstedt zu sanieren und zu rekonstruieren. Der historische Dielenfußboden im alten Stellwerksgebäude ist gerade frisch gestrichen. Er leuchtet in einem kräftigen Rotbraun und es riecht noch nach Farbe. Hier sollen bald Fahrkarten und Souvenirs verkauft werden. Im Bahnhofsgebäude sind ein Bistro und Toiletten geplant. Studenten der Bauhaus-Universität Weimar arbeiten an einem attraktiven Konzept, das sich in die strengen Bestimmungen des Denkmalschutzes einfügt.

Es ist an der Zeit für mehr Tourismus

Nicht weit entfernt steht ein markanter Uhrenturm aus Holz. Der Verein hat ihn 2016 wieder aufgebaut. „Vor einigen Jahren haben wir in der Bahnwerkstatt hinter der Schmiede zufällig ein historisches Foto von 1933 gefunden”, erinnert sich Zeddel. Darauf stehen ein paar Kumpel Parade. Im Hintergrund ist der alte Uhrenturm zu sehen. Er wurde vermutlich 1886 errichtet, sodass die Zeit nach allen Seiten hin gut sichtbar war. Taschenuhren galten damals noch als Luxus und die Kumpel sollten im Getümmel schnell sehen, wann ihre Schicht beginnt oder der nächste Zug mit Kupfer ankommt. Zeitweise gab es sogar eine Sirene auf dem Turm, die die Schichten ankündigte.

„Es existieren nur wenige Belege für den Turm. Doch das alte Foto brachte uns auf die Idee, ihn wieder aufzubauen”, so Zeddel. Anhand der Grundplatte, die noch immer vorhanden war, maß man die Fläche aus und berechnete die Höhe. Für die Baukosten von insgesamt 43.000 Euro gab es Unterstützung aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER): 80 Prozent der Gesamtsumme wurden vom ELER über die Maßnahme LEADER bereitgestellt, um die touristische Erschließung des historischen Bahnhofsgeländes zu fördern.

 

 

historisches Bild Uhrenturm Hettstedt
Historisches Foto (1933) des Uhrenturms
Uhrenturm Kupferkammerhütte Hettstedt
Dank Mitteln aus dem ELER hat der historische Bahnhof „Hettstedt Kupferkammerhütte" seinen Uhrenturm wieder.

Eine Fete mit Dampfross

Über acht Personenwagen verfügt die Bergwerksbahn heute wieder. Zu DDR-Zeiten sind die Schienen noch befahren worden, weil es nicht genügend Lkw gab. Nach dem Aus des Bergbaus im Mansfelder Bergrevier Ende der 1960er Jahre sind die Waggons verkauft worden. Fortan dienten sie als Gartenlauben, Umkleidekabinen oder Ställe. „Nach 30 Jahren als Hühner- oder Kaninchenstall ist vom Personenwagen natürlich nichts mehr übrig. Die mussten wir alle rekonstruieren”, erzählt Marco Zeddel. Jetzt passen wieder bis zu 50 Leute rein und mitunter gibt es auch Tische und eine Toilette – perfekt für einen runden Geburtstag oder eine Hochzeitsfeier. Sich einen Tag lang eine Dampflok zu mieten, erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Wenn die einmal angeschürt wird, ist es egal, wie viele Wagen man anhängen will.

Öffentliche Sonderfahrten finden zu Anlässen wie Frauen- und Nikolaustag statt. Es gibt Ausflüge an blühenden Kirschbäumen vorbei. Bei der Osterfahrt werden für die Kinder ein paar Nester versteckt. Mindestens ein Mal im Jahr führt die Theaterfahrt zum Lokschuppen, wo dann eine Vorstellung stattfindet. Zudem kann man natürlich an Infofahrten zum Thema Bergbau teilnehmen. Besonders beliebt ist aber der Lokführerschein, den Amateure auf der Schmalspurbahn ablegen können: Die mehrstündigen Seminare sind in der Regel ein Jahr im Voraus ausgebucht.

Bergwerksbahn Hettstedt zur Osterfahrt mit vielen Menschen
Die Bergwerksbahn zur Osterfahrt ist immer sehr beliebt.

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Klusbrücke Wahlitz - Geschichte und Geschichten in der Klus

Klusbrücke bei Wahlitz

Die bedeutende Klusbrücke wird saniert, um sie für Anwohner und Touristen zu erhalten.

Bürgermeister Jens Hünerbein und ehemaliger Denkmalpfleger Dr. Jürgen Knüpfer an einem Tisch
Bürgermeister Jens Hünerbein und der ehrenamtliche Denkmalpfleger Dr. Jürgen Knüpfer erinnern sich gemeinsam an die Rettung der Brücke in den 1970er Jahren.

(Bianca Kahl - 23.06.2017)

„Über diese Brücke ist Luther gewandert und Napoleon geritten", sagt Dr. Jürgen Knüpfer. Gemeinsam mit dem Bürgermeister der Stadt Gommern betrachtet er die steinernen Bögen der Klusbrücke. „Und ein russischer Panzer T54 ist auch schon drüber gerollt", ergänzt sein Begleiter Jens Hünerbein und die beiden lachen, schütteln ungläubig die Köpfe. „Dieser Brückenzug ist fast so alt wie unsere Stadt Gommern."

Es riecht nach Geschichte bis ins 11. Jahrhundert zurück, hier an einem Rinnsal der Ehle, zwischen den Weidenbäumen und den Mistelbüschen, an einem Waldrand in der Nähe des Ortes Wahlitz. Der Boden ist von Fahrradspuren und Hufabdrücken zerfurcht: Die Klusbrücke ist hoch frequentiert. Viele Spaziergänger, Radfahrer, Reiter, Wanderer und Berufspendler kommen hier täglich durch. Der beliebte Klusdamm-Radweg ist eine wichtige Verbindung von Magdeburg-Pechau nach Gommern. Von Magdeburg aus führen weitere Wegeverbindungen in die Region Schönebeck; von Gommern aus geht es ins Jerichower Land hinein. Über Dornburg und Pretzien erreicht man den Elberadweg.

Baudenkmal droht der Verfall

Klusbrücke Wahlitz
Die Klusbrücke nahe Wahlitz ist ein einzigartiges Bauwerk und die letzte erhaltene Brücke eines alten Handelsweges nach Magdeburg. Ab Herbst 2017 soll sie in neuem Glanz erscheinen.

Doch momentan müssen alle eine Behelfsbrücke direkt neben dem regionalen Wahrzeichen nutzen: Die Klusbrücke drohte, zu verfallen. Deshalb hat sich die Stadt Gommern entschlossen, sie zu sanieren. Die Brüstungsmauer muss erneuert und das restliche Mauerwerk instandgesetzt werden. Außerdem wird ein neues Geländer nötig sowie ein Rad- und Gehwegsbelag, um aktuellen Standards gerecht zu werden. Spätestens im September soll das alles geschafft sein.Der 79-jährige Jürgen Knüpfer schaut lange auf „die Klus", wie die Landschaft und das kulturhistorische Ensemble hier genannt werden. „Endlich kümmert sich jemand", scheinen seine Augen zu sagen und er sieht zufrieden aus. Sehr viel Zeit und sehr viel Kraft von ihm sind in diesen Ort geflossen. Er kann alles über die Gegend erzählen, trägt einen Ordner bei sich mit den Kopien von jahrhundertealten Aufzeichnungen und einer eigenen Chronik.In den 1970er Jahren hatte Knüpfer gemeinsam mit seinem Weggefährten Dr. Klaus Lehnert und anderen eine Arbeitsgruppe zur Denkmalpflege gegründet. Weil die Klusbrücke damals in einem miserablen Zustand war, kam sie ganz oben auf die Liste der Arbeitsvorhaben. Zum Teil war die Schalenbrücke eingestürzt und kaum noch passierbar. Die Dokumentation der Aktivisten hat die staatlichen Denkmalpfleger „erst mal munter gemacht", erzählt der Senior. „Denen war gar nicht bewusst, was wir hier für einen Schatz haben." Die Brücke ist das älteste verkehrstechnische Denkmal in der Region Magdeburg.

Freiwillige mussten Brücke schon einmal retten

Knüpfer und seine Freunde haben dann alle Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, sich an der Sanierung zu beteiligen. Mit eigenen Händen richteten die Helferinnen und Helfer unter der Leitung von Klaus Lehnert das eingestürzte Mauerwerk wieder auf und sicherten viele andere problematische Stellen. Jahrelang dauerten die freiwilligen Arbeiten damals. „Was haben wir hier für Nachmittage und Abende verbracht", erinnert sich Jürgen Knüpfer. Er zeigt dem Bürgermeister den Gedenkstein, den die Aktivisten damals bei den Endarbeiten eingesetzt haben. Vom Wappen der Stadt Magdeburg – denn die Brücke war einst im Besitz des Magdeburger Fähramtes – wurde ein Duplikat erstellt und eingebaut. Vom Original hatte jede Spur gefehlt. Es tauchte später in einer Gommeraner Wohnung auf, in die Wand eingebaut und verdeckt von einem Vorhang. Die damalige Mieterin, eine ältere Dame, konnte damit nichts anfangen.

nachgebildetes Wappen Magdeburgs in der Mauer der Klusbrücke eingelassen
Das nachgebildete Wappen der Stadt Magdeburg zeigt, wer hier Jahrhunderte lang das Sagen hatte.
Zeichnung der Klußbrücke an einem Haus in Wahlitz
Die Wahlitzer sind stolz auf ihr Wahrzeichen. Dieses Haus hat der Eigentümer mit einer Darstellung der Klus gestaltet.

Luthers einziger sicherer Weg

historische Fotografie der einstigen Lutherklause
Eine historische Fotografie der einstigen Klause, die über einen Wohnturm samt Lutherstube verfügte. Bis in die 1940er Jahre diente sie als Forsthaus. Dann wurde das Gebäude zerstört.

So viele Geschichten sind verbunden mit der Klus. Jürgen Knüpfer könnte ewig weitererzählen. Ganz in der Nähe hat einst eine Herberge mit Wohnturm und „Lutherstube" gestanden. Die Überreste der Klause sind noch zwischen den Bäumen zu sehen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat der Reformator hier genächtigt, wenn er zu Fuß nach Magdeburg unterwegs war. Zum Beispiel 1524, als er seine berühmte Rede in der Magdeburger Sankt-Johannis-Kirche hielt und die Stadt zum Protestantismus bekehrte. Einen anderen Weg als den Klusdamm gab es für Luther damals nicht. Er war vier Jahrhunderte lang der einzige hochwassersichere Übergang durch die unwegsame und sumpfige Elbe-Ehle-Niederung. Die alten Wege führten von hier zum einen über Zerbst bis nach Wittenberg und Leipzig, zum anderen bis nach Brandenburg und Berlin. Zudem war Luther Augustiner und auch die Herberge wurde von Augustinern betrieben. Man kann also davon ausgehen, dass der Reformator in der Klus gerastet hat. Der Begriff „Lutherstube" erhielt sich im Volksmund bis heute.

Sanierung ermöglicht touristische Nutzung

Die Klusbrücke ist das letzte erhaltene Bauwerk eines der ältesten Handelswege von Magdeburg nach Osten und damit ein Denkmal von nationaler Bedeutung. Für die Sanierung hat sich auch die „Lokale Aktionsgruppe  Elbe-Saale“ stark gemacht. Die Europäische Union beteiligt sich mit rund 255.000 Euro aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums - ELER - an der Sanierung, die insgesamt rund 340.000 Euro kosten wird. Den verbleibenden Anteil von rund 85.000 Euro übernimmt die Stadt Gommern.

Jürgen Knüpfer und Jens Hünerbein gehen vorbei an den Baufahrzeugen, die heute stillstehen. Sie reden wieder über den Panzer, der hier zu DDR-Zeiten entlanggefahren sein muss. „Wie der darüber gepasst hat...", sagt der Senior. „Gesehen hat das ja niemals jemand." Der Bürgermeister antwortet: „Aber es muss so gewesen sein. Hier war früher ja alles Übungsplatz der russischen Armee."So viele Geschichten zum Erzählen. Seit die Klus zur Pilgerroute „Lutherweg Sachsen-Anhalt" gehört und in das Landesprojekt „Luther war hier" aufgenommen worden ist, gibt es ganz andere Möglichkeiten, die vielen Geschichten auch für die Durchreisenden bekannt zu machen: Eine entsprechende Ausschilderung wird bald erfolgen. Zumindest über den Reformator und die Bedeutung des Handelsweges kann man dann alles nachlesen.

http://www.luther-erleben.de
http://www.gommern.de 

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Abbotheke - Ein Plätzchen an dem man bleiben will

Das Ehepaar Schubert wagt mit seinem Dorfladen "Abbotheke" einen zweiten Versuch

Hausfront der Abbotheke
Die "Abbotheke" in Abbenrode verkauft Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs.

(Bianca Kahl - 15.06.2017)

Pflaumenfarbene Wände in der Ferienwohnung und im Laden individuelle Holzregale vom Schreiner: Gleich auf den ersten Blick wird deutlich, dass Tatjana und Thomas Schubert nicht nach dem Prinzip Nullachtfünfzehn arbeiten. Was sie anpacken, hat Anspruch. Das Ehepaar betreibt einen kleinen Laden in einem 250 Jahre alten ehemaligen Bauernhof mit gelber Holzverkleidung. „Abbotheke“ steht auf einem schlichten Schild über dem Schaufenster. – Dabei handelt es sich nicht etwa um einen Rechtschreibfehler. Der Name des Ladens nimmt Bezug auf den Ort, wo man ihn findet: In Abbenrode, einem Dorf mit nicht mal 1000 Einwohnern im nördlichen Harzvorland. Schuberts führen dort eine Art Tante-Emma-Laden, die letzte Einkaufsmöglichkeit im Dorf.

Der eigene Laden als Gewinn für alle?

Alles begann mit einem Zeitungsartikel. 2011 kündigte der Betreiber des letzten Lebensmittelladens in Abbenrode an, sein Geschäft aufzugeben, und es ging ein großer Aufschrei durch den Ort: Wo sollen gerade die älteren Leute einkaufen gehen? Eine Frage, von der sich Tatjana Schubert persönlich angesprochen fühlte. Der Liebe wegen war sie zu ihrem Lebensgefährten nach Abbenrode gezogen: aus Karlsruhe, wo sie ihre jahrelange Karriere in einer Supermarktkette aufgab. Arbeit hatte sie im Nachbarort im Einzelhandel gefunden. Doch der Gedanke, ihre eigene Chefin zu sein, hatte seinen Reiz.

Tatjana Schubert entschied sich also gegen ihr gesichertes Einkommen und übernahm mit ihrem Mann den alten Lebensmittelladen im Ort. Das Ehepaar investierte viel Geld in die Renovierung, neue Möbel und Elektrogeräte. Zur Eröffnung gab es noch ein großes Hallo, doch dann blieben die meisten Leute weg. Auch viele der älteren Menschen, denen das Angebot ja in erster Linie galt, schoben ihre Rollatoren lieber in den Linienbus und fuhren in den Nachbarort. Denn dort im Supermarkt sind die Waren ein paar Cent billiger.Schuberts probierten viel aus, um auf ihre Kosten zu kommen: Sonntagsverkauf, ein verändertes Sortiment, großzügige Öffnungszeiten und ein Internetblog mit persönlichen Eindrücken rund um den Laden. Doch nach vier Jahren mussten sie sich eingestehen, dass es so nicht weitergehen kann.

Ein Neuanfang im Eigenheim

Blick auf das Wohnhaus vom Innenhof mit durch den ELER geförderter Dacheindeckung
Das Dach im schönen Innenhof wurde mit Unterstützung aus dem EU-Förderfonds ELER gedeckt.

„Wirtschaftlich ist das eigentlich Unfug, was wir hier machen", sagt Thomas Schubert. Man könne auch etwas anderes verkaufen und über die Region hinaus denken. „Aber uns geht es ja um die Leute. Manche brauchen uns tatsächlich und sind sehr dankbar für die Abbotheke.“ Das Ehepaar überdachte die Möglichkeiten: Wie können wir die teure Miete und die hohen Energiekosten einsparen? Wie könnten wir uns ein Café als zweites Standbein einrichten und das Geschäft am einfachsten verkleinern?Auf der Suche nach der Antwort, nämlich einer eigenen Immobilie, stießen die beiden auf den alten Bauernhof. Keine Heizung, das Dach war durchlöchert; das Wasser lief in alle Etagen hinunter. Trotzdem: „Ich habe mich sofort in dieses Haus verliebt", erzählt Tatjana Schubert. „Besonders der gemütliche Innenhof gefällt mir sehr. Am Nachmittag scheint hier die Sonne so schön rein.“In ebendiesem Innenhof steht sie jetzt unterm alten Kirschbaum, den sie so mag, und schaut nachdenklich auf das Haus. Das Dach ist frisch saniert, ebenso Fenster und Fassade des Hauptgebäudes. Im Nebengelass eine Baustelle für die geplanten Gästetoiletten. Die alte Scheune macht den Hof zu einem windgeschützten Plätzchen. An einem kleinen Tisch sitzen zwei ältere Damen bei einer Tasse Kaffee und unterhalten sich.

Frische Ideen in alter Tradition

Es hat sich herausgestellt, dass sich in diesem Haus über mehrere Generationen ein Gemischtwarenladen befand. Tatjana Schubert zeigt das historische Beweisfoto von den Urgroßeltern des Verkäufers. Zu DDR-Zeiten war hier der Dorfkonsum. Seit einem knappen Jahr ist es das Zuhause von Tatjana und Thomas Schubert. Im Erdgeschoss befindet sich der süße Laden mit kleinerem Sortiment und in der oberen Etage ihre kuschlige Wohnung samt Holzofen. Zwei Ferienwohnungen sind in Arbeit. Ihr früheres Eigenheim haben Schuberts verkauft, um die Sanierung des alten Bauernhofes zahlen zu können. Sie sind in eine Baustelle eingezogen und gebaut wird noch immer.Dank einer Förderung in der Höhe von rund 40.000 Euro aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) konnten Schuberts Dach, Fenster und Fassade sanieren. Schon im Spätsommer, wenn die Gästetoiletten fertig sind, soll es im Innenhof ein richtiges Café geben. Dort kann man dann auch mal eine Frikadelle oder eine andere Kleinigkeit essen. Denn einige Leute trinken jetzt schon gern mal einen Kaffee im Laden. Radreisende halten an und machen eine Rast. Handwerker holen sich in der Pause eine Bockwurst. „Im Sommer wird das ganz schön eng bei uns", findet die Inhaberin. Dann sagen die Kunden „Stellen Sie uns einfach einen Stuhl raus" und setzen sich direkt neben die Baustelle.

Viele Angebote aus einer Hand

Tatjana Schubert in ihrem Laden hinter der Theke
Davon kann man leben: Tatjana Schubert steht für ihre Kundschaft bereit.

Im Dorf gibt es keinen Bäcker mehr, keinen Metzger, nichts. Nur einen schönen Blumenladen mit Cafébetrieb. Dank Schuberts können die Leute nicht nur Back- und Wurstwaren sowie andere Lebensmittel im Ort kaufen. Die beiden bieten auch eine Poststelle und den Serviceschalter einer Bank. Wenn erst einmal alles fertig ist, werden sich nicht nur die Einheimischen, sondern auch Gäste des Ortes freuen.Viele Wander- und Radreisende sind hier in der Gegend unterwegs und werden bald eine weitere Übernachtungsmöglichkeit haben. „Eigentlich ist Abbenrode für sich kein klassischer Ferienort", räumt die Hausherrin ein. Doch es gebe einen schönen Reiterhof direkt am Grünen Band, dem Naturschutzstreifen im einstigen deutsch-deutschen Grenzgebiet, und eine Wassermühle mit netten Veranstaltungen. „Es gibt auch ein paar Ferienwohnungen hier im Ort, aber wir möchten den Gästen etwas Besonderes bieten.“ Tatjana Schubert will auf eine geschmackvolle Einrichtung achten, auch Alleinreisende aufnehmen und Frühstück anbieten – bei schönem Wetter natürlich im Innenhof.

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Die Förderagenten

Zwei Geographen gestalten die Altmark mit und holen dabei Geld ins Land

(von Bianca Kahl - 13.04.2017)

Die LandLeute Sibylle Paetow und Björn Gäde
Die LandLeute Sibylle Paetow und Björn Gäde fördern die regionale Entwicklung in der Altmark.

Die Altmark hat viel zu bieten, doch sie arbeitet noch an ihrem Ruf. Zwei professionelle Entwickler arbeiten mit: Sibylle Paetow und Björn Gäde sind so etwas wie wirtschaftliche Geburtshelfer. Sie entwerfen Konzepte, erarbeiten Strategien, stoßen Modellvorhaben an und beraten Akteure in der Region. Sie vernetzen, moderieren und manchmal steuern sie auch ein bisschen nach. Vor allen Dingen aber wissen sie, welche Fördermöglichkeiten es gibt und wie man an das Geld kommt. Unter dem Namen "LandLeute – Agentur für Regionalentwicklung" führen sie ein Büro im Stendaler Technologiepark.
 
"Ich glaube, selbst mein Mann kann nicht genau erklären, was ich beruflich mache", sagt Sibylle Paetow und lacht. Der Beruf der Tangermünderin ist etwas komplizierter zu beschreiben als andere. Gerade besucht sie mit ihrem Kollegen Björn Gäde eine Klientin. Der Reiterhof Albrecht will seine Außenanlagen fit machen für den Klimawandel. Seit 1990 besitzt das Ehepaar Albrecht den malerischen Vierseithof im kleinen Dorf Buch an der Elbe, einem Ortsteil der Stadt Tangermünde. Über die Jahre hat die Familie dort eine Pferdepension eingerichtet, mit Ferienwohnungen, Reithalle, Stall und Streichelgehege. Schon mehrfach konnten Steffi Albrecht und ihr Mann von Förderungen profitieren.
Das laue Frühlingswetter erlaubt, dass die LandLeute gemeinsam mit der Hausherrin im Freien sitzen können. Steffi Albrecht erläutert ihre neuen Ideen. Sie möchte auf den Reitplätzen gern eine Beregnungsanlage installieren. Die beiden Fachleute beraten mit ihr, wie das in die Förderprogramme passt.

21 Millionen Euro für die Altmark

"Ich weiß noch, als hier 2009 die Pension erweitert wurde. Das war unser erster Zuwendungsbescheid mit LEADER", erinnert sich Björn Gäde. Insgesamt haben die LandLeute mehr als 280 Projekte in der Altmark begleitet und dabei rund 21 Millionen Euro in die Region geholt. Die Projekte sind unter anderen Teil der Bundesmodellvorhaben „Regionen Aktiv“ und „Land(auf)Schwung“ sowie des EU-Förderansatzes LEADER. Allein aus diesem Programm wurden 112 Projekte mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund sechs Millionen Euro gefördert. LEADER finanziert sich aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) und unterstützt innovative Vorhaben. Wörtlich übersetzt bedeutet es "Verbindungen zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft".
"In der Altmark wird vor allem in den Tourismus investiert", zieht Gäde Bilanz. Dafür können die LandLeute viele Beispiele aufzählen: Von den Bismarckschen Gutshäusern über Radlerpensionen und die künstlerische Gestaltung der Hoffnungsfenster in der Kirche von Schönwalde bis hin zum Wuster Muuuhseum rund um das Thema Kuh.  Die beiden haben einen guten Überblick, was in der Gegend geschieht. "Es ist schön, zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Und es kommen immer wieder neue, tolle Ideen dazu. Auch durch Menschen, die zuziehen", findet Sibylle Paetow. "Wir bemühen uns auch stets, die einzelnen Macher miteinander zu vernetzen." "Wissenstransfer" nennt die 49-Jährige diesen Teil ihrer Arbeit. "Denn die Frage ist ja: Was können wir gemeinsam erreichen?"

Mit dem arbeiten, was da ist

Tourismus braucht nicht nur Macher vor Ort, Tourismus braucht ebenso eine gute Infrastruktur, Werbung und andere Veröffentlichungen. Auch darüber haben die LandLeute den Überblick und helfen an der einen oder anderen Stelle mit eigenen Ideen und Konzepten nach. Ein wichtiges, verbindendes Element in der Region ist der 500 Kilometer lange Altmark-Rundkurs. Den radeln dann Sibylle Paetow und Björn Gäde auch mal ab und drehen einen Film darüber, was bereits alles geschafft ist in der Altmark.
Die beiden arbeiten mit dem, was da ist: Über die Image-Kampagne, die die Altmark zur "Grünen Wiese mit Zukunft" macht, könne man streiten und jammern, sagen sie – wenn man denn streiten und jammern will. Doch sie nutzen die Kampagne lieber, kümmern sich um das Regionalmarketing, suchen Synergie-Effekte, betreuen Veranstaltungen und überlegen sich passende Aktionen.
Man könnte meinen, sie seien Fachleute für Öffentlichkeitsarbeit. Doch die LandLeute haben beide Geographie studiert. Sie in Münster, er an der Universität in Potsdam mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialgeographie. Diese Berufsausbildung sei keineswegs ein Widerspruch zu ihrer Arbeit: "Unser Fach bedeutet ja im Grunde die Kernkompetenz, mit Raum umzugehen – und allem, was drin ist im Raum. Egal, ob das Berge, Flüsse oder Menschen sind", erklärt der 39-Jährige. Und seine Kollegin ergänzt: "Wir fragen uns: Wie kann man eine Region entwickeln? Wie erfolgt Wertschöpfung, wie erzielt man Effekte? Unser Bereich, nämlich der Weg über Fördertöpfe, hat da enorm zugenommen."

LEADER-Management als wichtiges Standbein

Kennen gelernt haben sich die zwei Geographen in Stendal. Selbst Teil eines geförderten Modellvorhabens, haben sie sich im Büro für den Wettbewerb "Regionen aktiv – Land gestaltet Zukunft" damit befasst, wie die Altmark gestärkt werden kann. Als das Projekt auslief, fragten sie sich, wie es beruflich weitergehen könnte. Dank einer "guten Beraterin für Existenzgründung", wie sie erzählen, gingen sie 2008 den Schritt in die Selbständigkeit. Gleich zu Beginn kam der Auftrag für das LEADER-Management als wichtiges Standbein. Als solche Manager sind sie Ansprechpartner für alle Angelegenheiten rund um das Förderprogramm in der Region und betreuen die sogenannten Lokalen Aktionsgruppen Uchte-Tanger-Elbe und Elb-Havel-Winkel.
Die Lokalen Aktionsgruppen erarbeiten vor Ort die Entwicklungskonzepte und erhalten vom Land ein festgelegtes Budget. Sie prüfen, was in der Region gebraucht wird, nehmen die Bewerbungen von Interessierten entgegen, erstellen eine Prioritätenliste und helfen bei der Antragstellung. Wenn Paetow und Gäde zu neuen Ideen aufrufen, können sie schon mal 40 Projekte auf den Tisch bekommen. Wie viele davon am Ende förderfähig sind, hängt aber von den aktuellen Richtlinien ab – und die werden mit den Jahren immer komplexer. "Manchmal denke ich, wir sind keine Manager mehr, sondern Förderübersetzer. Wie das Schmiermittel zwischen den Förderprogrammen und den vielen Machern vor Ort", sagt Sibylle Paetow.

Fördermittel sind nicht umsonst

LandLeute Sibylle Paetow und Björn Gäde mit Reiterhofbesitzerin Steffi Albrecht
Im Gespräch mit einer ihrer Klienten, der Reiterhofbesitzerin Steffi Albrecht, suchen die LandLeute nach Finanzierungsmöglichkeiten für neue Ideen.
Reitplätze in Buch
Die Reitplätze in Buch sollen mit einer Beregnungsanlage ausgestattet werden.

 

Selbstredend, dass die LandLeute immer auf dem neuesten Stand sind und durch den Bürokratiedschungel lotsen. Dennoch bleibt der Aufwand für die Antragsteller hoch. "Fördermittel sind nicht wirklich umsonst", stellt Björn Gäde klar. "Dafür muss man viel arbeiten. Wenn man die Zeit dafür aufrechnet, hat man das Geld im Grunde verdient."
In Buch klappt es wahrscheinlich mit der neuen Beregnungsanlage. Die Antragsunterlagen von Familie Albrecht werden derzeit im Landesverwaltungsamt geprüft. Dass es im Hochsommer keine staubtrockenen Reitplätze geben soll, würde den Hof noch einmal attraktiver machen – und damit auch das kleine Dorf weiter bereichern. Bereits jetzt ist hier viel los: Mit dem Elbezentrum des Naturschutzbundes, mehreren Pensionen und dem Elberadweg gibt es viele Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung. Mitten im Ort steht auch der einzige Roland in einem Dorf, der bereits 1611 errichtet worden ist. Doch jetzt muss er dringend saniert werden und auch hier kann LEADER helfen. Die Stadt Tangermünde hat einen Fördermittel-Antrag gestellt und hofft bald auf die Gelder für die notwendige Restaurierung.

http://www.landleute.eu
https://leader.sachsen-anhalt.de

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Die neue Ordnung

Mithilfe eines Flurbereinigungsverfahrens wird dem Hochwasser-Chaos begegnet

(von Bianca Kahl - 23.03.2017)

Jürgen Niehle vor seinem Hof
Jürgen Niehle hofft, dass sein Hof verschont bleibt, wenn das nächste Mal starke Niederschläge kommen.

Jürgen Niehle weiß, wie es ist, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht. „Zwei Autos sind mir Schrott gegangen”, erzählt er. Im Jahr 2005 war sein Audi A4 bis unters Dach mit Wasser gefüllt. Er wohnt mit seiner Familie am niedrigsten Punkt des Dorfes Görschen in der Nähe der Stadt Naumburg (Saale). Drei Straßen führen zur Kreuzung vor seinem Hof – alle drei gehen steil bergab. Wenn starke Niederschläge kommen, werden die Straßen zu reißenden Bächen und Niehles Grundstück versinkt im Schlamm.
Das meiste Wasser strömt dann einen Hang von den Feldern herab. Gemeinsam mit seiner Nachbarin Susanne Tiedge geht er dort hinauf. Sie stehen vor dem „Waldhof Görschen”, der Pension der Familie Tiedge, und schauen nachdenklich in die hügelige Landschaft. Um sie herum weiden Galloway-Rinder.

Eine Flut mit Folgen

Susanne Tiedge, ihr Mann und Hund vor ihrer Pension
Auch Susanne Tiedge, hier mit Ehemann und Hund vor ihrer Pension „Waldhof Görschen”, hat in der Vergangenheit Schlimmes erlebt.

Sie erinnern sich auch an die verhängnisvolle Walpurgisnacht im Jahr 2001, als Tiedges gerade erst den schönen Innenhof neu gepflastert hatten. Schon am Abend war der Himmel gelb. In der Nacht dann die faustgroßen Hagelkörner – und die Flut. Das Abwassersystem in Görschen war nicht mehr in der Lage, die Niederschläge abzuleiten. Auf den höher gelegenen Feldern im Umkreis gab es nichts, dass das Wasser zurückhalten konnte. Die Weidezäune hat es davongespült und die Rinder vom Waldhof Görschen standen auf einer Insel in der Landschaft. Im Nachbarort war ein Bekannter fast auf seinem Hof ertrunken, als er noch schnell sein Garagentor schließen wollte.

Baumaßnahmen sollen schützen

Seit diesen Schreckenstagen wurde hier viel gebaut. Zum Schutz vor dem Wasser sind Wälle, Rückhaltebecken und vieles mehr entstanden. Die Kreisstraße wurde aufgerissen und das Abwassersystem umgebaut. Doch vorher musste ein neuer Wege- und Gewässerplan entstehen. Und das war gar nicht so leicht, denn davon sind viele verschiedene Eigentümer betroffen. Man kann nicht einfach auf dem Reißbrett in die Landschaft malen.
„Ohne Flurbereinigung gibt es keine regionale Entwicklung mehr”, sagt Evelyne Schwikal. Bis zum Jahresende 2016 war sie die Leiterin des Bauamtes der Verbandsgemeinde Wethautal, zu der auch der Ortsteil Görschen gehört. Nun ist sie in den Ruhestand gegangen und zieht Bilanz über die vergangenen Jahre, in denen in den Orten der Region noch einmal viele Würfel neu gefallen sind.

Flächen sinnvoll nutzen und verteilen

Flurbereinigung heißt, dass das Eigentum an Grundstücken neu organisiert wird. Wie Land verteilt ist und wie Flächen genutzt werden, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Gebietsreformen, Erbschaften und die lokale Politik der einzelnen Kommunen haben im Laufe der Zeit für ein kleines Durcheinander im Grundbuch gesorgt. „Was auf dem Papier steht, muss in der Realität nicht unbedingt sinnvoll sein”, erklärt Evelyne Schwikal. Sie berichtet von ungünstigen Zuschnitten der landwirtschaftlichen Nutzflächen, von Rückforderungen durch Gemeinden und Grundstückseigentümern sowie von blockierten Bauvorhaben, weil sich Eigentümergemeinschaften nicht einigen können.

Regenrückhaltebecken im Görschener Gewerbegebiet
Rückhaltebecken und Verwallungen, wie hier vor dem Gewerbegebiet in Görschen, sollen fortan die Siedlungen schützen.

In Görschen steht auf den einstigen Flutwiesen das neue Gewerbegebiet. In den vergangenen Jahren standen die Hallen mehrfach unter Wasser. Heute befindet sich dort aber auch ein großes Regenrückhaltebecken. Auch in den Nachbarorten wurde vorgesorgt. „Es nützt ja nichts, schöne Planungen in der Schublade liegen zu haben”, sagt Schwikal. Gerade bei überregionalen Vorhaben sei es oft nötig, Grundstücke neu zu ordnen. Flächen werden dann entweder getauscht oder die Eigentümer entschädigt. Allein könnten das die Gemeinden aber nicht stemmen. Daher übernimmt das Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten (ALFF) in Weißenfels die Gesamtverantwortung. Für Görschen und die Umgebung plant die Sachbearbeiterin Elke Burgau die notwendigen Baumaßnahmen, vermittelt zwischen allen Behörden und anderen Beteiligten und koordiniert die Neuregelung des Eigentums.

Unterstützt durch den ELER und das Land Sachsen-Anhalt

Das ganze Neuordnungsverfahren inklusive der Baumaßnahmen zum Hochwasserschutz und einiger Neupflanzungen schlägt mit 3,1 Millionen Euro zu Buche. Davon kommen mehr als 80 Prozent, also rund 2,6 Millionen Euro, aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) im Rahmen der Fördermaßnahme Flurneuordnung und aus Fördermitteln des Landes Sachsen-Anhalt. Den verbliebenen Eigenanteil teilen sich die betroffenen Gemeinden, der Burgenlandkreis, der Abwasserzweckverband Naumburg, die Agrargenossenschaft Wethautal und die betroffenen Eigentümer. Die Besitzer aller anliegenden Grundstücke organisieren sich in der Teilnehmergemeinschaft, der auch Susanne Tiedge und Jürgen Niehle angehören.

Kindertageststätte im Ortsteil Rathewitz
Mit dem Flurbereinigungsverfahren wurde auch dieser Kita-Bau ermöglicht.

Elke Burgau zählt auf, was unter ihrer Verantwortung alles verwirklicht werden konnte. Auf ihrer Liste stehen viele Erfolge. Zum Beispiel der Flächentausch im Gewerbegebiet Görschen. Er ermöglichte einem ansässigen Unternehmen, für weitere 3 Millionen Euro eine Pulverisierungsanlage zu errichten. Im Ortsteil Rathewitz wurde eine Eigentümergemeinschaft entschädigt, sodass die Gemeinde eine baufällige Ruine sichern konnte. Dort steht jetzt der lang ersehnte Anbau einer Kindertagesstätte. Eine Einfriedung und Parkplätze für die Eltern sind in Planung.

Susanne Tiedge und Jürgen Niehle stehen noch immer auf dem Hang vor dem Waldhof Görschen und beraten sich. Sie hoffen, dass sich der ganze Aufwand lohnt und das nächste Hochwasser sie verschonen wird. „Doch einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht”, weiß Jürgen Niehle. Schon sein alter Großvater hatte immer gemahnt: „Alle 50 Jahre kommt das Wasser.” Mit dem Klimawandel steigt die Gefahr umso mehr.

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Wo geht es hier nach Pömmelte?

Der Himmelsweg eines kleinen Ortes in Sachsen-Anhalt

(von Bianca Kahl)

 

„Das 4000-jährige Pömmelte grüßt das 1050 Jahre alte Barby!“, sagt Thomas Warnecke scherzhaft und heißt Jens Strube am Ringheiligtum von Pömmelte in der Nähe von Schönebeck (Elbe) willkommen. Jens Strube, Bürgermeister der Einheitsgemeinde Barby, war zuletzt im Juni hier – als der Landrat Markus Bauer zur feierlichen Eröffnung einlud. 400 Besucher kamen. Ministerpräsident Reiner Haseloff, Staatssekretär Gunnar Schellenberger und Landesarchäologe Harald Meller gaben sich die Hand. Die kostümierten Mädchen von der kleinen „Tanzfactory Egeln“ zeigten ihren selbst ausgedachten Steinzeittanz.

Zeitungen in ganz Deutschland schreiben über das mehr als 4000 Jahre alte, steinzeitliche Heiligtum, das auf einer Höhe mit dem englischen Stonehenge stehen soll. Das Bauwerk aus Holz wurde wiedererrichtet, um der Öffentlichkeit zu zeigen, wie die Menschen in Mitteleuropa einst lebten. „So mutig, wie man das Ringheiligtum gestaltet hat! Diese tollen Farben und die Symbole: Das kann man ja alles nur vermuten“, schwärmt Frank Löbig, der wissenschaftliche Mitarbeiter des Salzlandmuseums in Schönebeck. Dort hat er im September eine begleitende Dauerausstellung zum Ringheiligtum eingerichtet. 1500 Interessierte haben sie schon besucht. Am Ringheiligtum selbst waren bereits über 5000 Besucher, viele aus dem Ausland.

Die wiedererrichtete Kreisgrabenanlage ist die neueste Station der beliebten archäologischen Tourismusroute „Himmelswege“ in Sachsen-Anhalt. Der Salzlandkreis hat jetzt eine touristische Attraktion, umgeben von Maisfeldern. Nebenan der Fliegerclub Schönebeck e.V., der seine Landebahn hatte verlegen müssen. Dafür bietet er jetzt Rundflüge über das Heiligtum mit dem Segelflieger an.

Ganz in der Nähe stehen einzelne Häuser. Das ist Zackmünde. Wer hier die Abfahrt zum Himmelsweg verpasst, landet vielleicht vier Kilometer weiter im Ort Pömmelte, nach dem die neue Attraktion benannt ist: einer von zehn Ortsteilen der Einheitsgemeinde Stadt Barby. Es soll schon vorgekommen sein, dass auch die Einwohner, von den Fremden um Hilfe gebeten, den Himmelsweg nicht kannten. Pömmelte hat 644 von ihnen, zwei kleine Pensionen, einen Kindergarten, ein Gemeindehaus am Goldfischteich. Die letzte Gaststätte hat vor drei Jahren dichtgemacht.

Der ehrenamtliche Bürgermeister hieß bis 2010 Thomas Warnecke. Dann wurde Pömmelte zum Ortsteil der Einheitsgemeinde Barby und Warnecke zum ehrenamtlichen Ortsbürgermeister. „Das Wichtigste und politisch Entscheidendste von meinen Aufgaben sind jetzt die Geburtstage, an denen ich die Bürger besuche“, stellt er nüchtern fest. Das Treiben rund um die steinzeitliche Kreisgrabenanlage verfolgt er schon seit 2005. „Das ist eine tolle Sache, dafür können wir berühmt werden!“ Was er auch begrüßt: Aufgrund des öffentlichen Interesses wurde ganz nebenbei in der Nachbarschaft eine Hähnchenmastanlage verhindert. „Wir mussten nicht mal eine Bürgerinitiative gründen, so wie früher, als eine Schweinemast kommen sollte“, erzählt er und muss schmunzeln über diese ganz eigene Form von himmlischen Einflüssen.

 

Jetzt gibt es hier ein hölzernes Heiligtum, wo von April bis Oktober mittwochs, freitags und an den Wochenenden Fremdenführer für spontane Rundgänge bereitstehen – Bürger aus der Region, ausgebildet vom Salzlandmuseum. Eine von ihnen ist Alexandra Schröpel aus Pömmelte. Thomas Warnecke umarmt sie zur Begrüßung. Für heute haben sich gleich zwei Gruppen angemeldet. Bürgermeister Jens Strube, der sich auch privat für das Projekt interessiert, will sich ebenfalls den aktuellen Stand anschauen. Er liest sich gemeinsam mit Warnecke die Erklärungen durch, die in die neuen runden Betonplatten geprägt wurden, steigt auf den Aussichtsturm und schaut gedankenverloren in die Ferne.

Das Foto zeigt wie Alexandra Schröpel aus Pömmelte eine Gruppe von Touristen durch das Ringheiligtum führt.
Eine Gruppe von Touristen lässt sich von Alexandra Schröpel aus Pömmelte durch das Ringheiligtum führen. Foto: Ministerium der Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt
Das Foto zeigt, wie sich Bürgermeister Jens Strube und Ortsbürgermeister Thomas Warnecke im Gemeinschaftsraum des Ortes Pömmelte über aktuelle Themen austauschen.
Bürgermeister Jens Strube (links) und Ortsbürgermeister Thomas Warnecke tauschen sich im Gemeinschaftsraum des Ortes Pömmelte über aktuelle Themen aus. Foto: Ministerium für Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt

Die Rekonstruktion der Kreisgrabenanlage hat den Salzlandkreis rund 600.000 Euro gekostet und wurde dank der Lokalen Aktionsgruppe Elbe-Saale mit fast 340.000 Euro aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für regionale Entwicklung (ELER) gefördert. Zusätzlich unterstützen das Land Sachsen-Anhalt und gemeinnützige Stiftungen den Ausbau der Infrastruktur drum herum wie den Parkplatz, die Zufahrt, einen neuen Radweg, die Verlegung der Landebahn, die Aussichtplattform und das touristische Leitsystem.

„Wir als Einheitsgemeinde Stadt Barby konnten keinen einzigen Cent zusteuern“, resümiert Jens Strube ernüchtert. Wie in vielen anderen Kommunen ist auch in Barby kein finanzieller Spielraum für freiwillige Aufgaben".

Zu Füßen des Aussichtsturms sammelt sich eine Hand voll Geflüchteter, die sich im Rahmen ihrer Bildungskurse ausdrücklich auch einen Besuch in Pömmelte gewünscht haben und interessiert den Ausführungen der Dolmetscherin lauschen. Ein Stück entfernt steht Alexandra Schröpel mit ihrer bunt zusammengewürfelten Gruppe aus Deutschen und Franzosen, Kinder sind auch dabei.

Das Foto zeigt Alexandra Schröpel.
Alexandra Schröpel ist froh, dass Pömmelte jetzt eine touristische Attraktion hat und will auch andere von ihrer Begeisterung anstecken. Foto: Ministerium der Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt

Alexandra Schröpel ist freie Lektorin und der Liebe wegen vom thüringischen Jena in das beschauliche Pömmelte gezogen, wo sie seit sechs Jahren lebt und arbeitet. Den Baubeginn am Heiligtum im Jahr 2014 und die vorangegangenen Planungen hat sie schon miterlebt. Über ihrem rechten Arm hängt ein Weidenkorb mit Feuerstein und anderen Gegenständen, die den Besuchern die Steinzeit und die Bronzezeit besser veranschaulichen sollen. Dass das Ringheiligtum wiedererrichtet worden ist, begrüßt sie sehr und engagiert sich auch entsprechend dafür. „In Südthüringen wird jedes Taschentuch ausgestellt, das Goethe oder Schiller mal in der Hand hatte, aber hier in Sachsen-Anhalt fehlt scheinbar jedes Bewusstsein für die eigenen Attraktionen“, sagt sie.

Die Freiberuflerin versteht nicht, dass die Bevölkerung noch so wenig Stolz zeigt für ihre Umgebung. „Wenn wir selbst nicht auf die Geschichtsträchtigkeit verweisen, wie soll dann die Öffentlichkeit erfahren, dass es hier nicht nur Ackerbau gibt?“ Pömmelte muss sich also, genau wie die anderen Orte der Region, noch selbst finden. Ein ganz persönlicher Himmelsweg sozusagen. Von außen jedenfalls sei das Interesse groß. Sie sehe immer Autos auf dem neuen Parkplatz vor dem Ringheiligtum, wenn sie mit ihrem Hund gemütlich durch die Felder spazieren geht. Zu ihren Führungen kommen bis zu 30 Personen.

Auch Jens Strube und Thomas Warnecke sind der Ansicht, dass immer mehr Touristen in die Gegend kommen. „Ich schätze, dass in den Sommermonaten jeden Tag zehn bis 20 Paare auf dem Fahrrad durch den Ort fahren“, hat Warnecke beobachtet. Kein Wunder: Es hat sich herumgesprochen, dass es hier etwas zu sehen gib, lange vor der Eröffnung des Ringheiligtums. Schönebeck mit seinem neu gestalteten Markt, den Salinehäusern und dem als ältestes Soleheilbad bekannten Stadtteil Bad Salzelmen, ist durchaus einen Besuch wert. Barby lockt mit seiner landschaftlich schönen Lage im Elb-Saale-Winkel an Elberadweg und Saaleradweg, mit mittelalterlicher Stadtmauer, Schloss und Seepark.

Eine schöne Gegend für Radfahrer. Einen Platz für eine Rast und eine gute Bewirtung findet man in Pömmelte allerdings noch nicht. Nicht einmal eine Verkaufsstelle für Lebensmittel gibt es zurzeit. Dafür sorgen das nahegelegene Kieswerk und Speditionen dafür, dass hier täglich rund 600 Lkw durchfahren. Bei der Ausschilderung zum Ringheiligtum musste erst improvisiert werden. Zur Eröffnung hatte das Salzlandmuseum kurzfristig Ausdrucke im A3-Format laminiert und an den Straßen angebracht. Später waren es Holzlatten, die den Weg wiesen.

Es geht eben nur langsam voran in Pömmelte, auf dem langen Weg in den Himmel, doch es passiert etwas. Auch ein Langhaus mit Toiletten ist am Heiligtum geplant. Eventuell soll in der Nähe sogar noch eine zweite Kreisgrabenanlage wiedererrichtet werden. Warnecke und Strube sind jedenfalls guter Dinge, wenn sie an Pömmelte denken.

Alexandra Schröpel steht inzwischen mit ihrer Gästegruppe im Zentrum der Kreise und klatscht in die Hände, um den Widerhall zu demonstrieren: ein Flatterecho. Diese besondere Akustik begründet auch viele musikalische Veranstaltungen, die das Salzlandmuseum hier fortan plant. Die Führung neigt sich dem Ende und die Besucher klatschen zurück – sie zollen Beifall.

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Die Mischung macht´s

Das Bild zeigt Mischkulturen im gesunden Wald.
Auch die Forstwirtschaft ist an gesunden Wäldern und hohe Artenvielfalt interessiert. Mit Mischkulturen kann dies gelingen. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Warum Mischwälder trotz anfänglicher Schwierigkeiten den Forstbetrieben mehr nutzen

(von Bianca Kahl)

Rund 60 Prozent der Wälder im Land Sachsen-Anhalt bestehen allein aus Nadelbäumen. Eine Folge des möglichst hohen wirtschaftlichen Nutzens, den der Wald seinen Eigentümern bringen soll. Doch Monokulturen bringen auch viele Probleme mit sich. Das ist dem jungen Waldbesitzer Gordon Preetz bewusst. Neben der höheren Brandgefahr sind reine Nadelwälder auch anfälliger für Schädlinge und Sturmschäden. Mischwälder machen das Ökosystem stabiler und sind auch wertvollere Lebensräume, weil sie eine höhere Artenvielfalt beherbergen. Doch viele Waldeigentümer zögern noch. Sie schrecken vor dem höheren Aufwand zurück, den ein Mischwald zunächst mit sich bringt – auch in finanzieller Hinsicht. Ein Förderprogramm der EU und des Landes will dies ändern. 

Das Bild zeigt den 28-Jährigen Gordon Preetz und seinen Großvater Sigurd Mansfeldt, die seit 2009 gemeinsam mit anderen Gesellschaftern aus der Familie die Land und Forst Altmark GbR betreiben.
Der 28-Jährige Gordon Preetz und sein Großvater Sigurd Mansfeldt betreiben seit 2009 gemeinsam mit anderen Gesellschaftern aus der Familie die Land und Forst Altmark GbR. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Gordon Preetz machte in den vergangenen Jahren selbst leidliche Erfahrungen mit Monokulturen. Im Dezember 2010 sorgte ein langanhaltender Eisregen dafür, dass er eine 0,65 Hektar große Fläche kahlschlagen musste. Weitere Kahlschläge wurden an anderen Stellen notwendig, weil der dortige Bestand aus 125 Jahre alten Kiefern bereits zu stark ausgelichtet war.

Seit 2009 bewirtschaftet Gordon Preetz über die Land und Forst Altmark GbR, zu der auch vier andere Gesellschafter aus seiner Familie gehören, Waldflächen im Raum Fleetmark. Für ihn eine Möglichkeit, sich für seine Region zu engagieren und die vorhandenen Ressourcen sinnvoll zu nutzen und auszubauen. Unter der Woche fährt der 28-Jährige nach Niedersachsen und arbeitet dort als Vermesser. Abends und am Wochenende kümmert er sich um die Wälder seiner Heimat.

Im Rahmen der GbR hat der junge Mann rund 13 Hektar Wald unter seiner Obhut. Über Jahre hinweg arbeitete er sich in das fachfremde Gebiet ein. Er weiß: ein intaktes Waldökosystem bindet Kohlendioxid und kann so die Auswirkungen des Klimawandels mindern. Doch die vorherrschenden Kiefernmonokulturen bereiten ihm Sorgen.

Gleichzeitig ist sich Preetz sicher: "Es wäre definitiv das falsche Signal, sich in Deutschland allein auf den Naturschutz zu konzentrieren und Holz aus der Dritten Welt zu importieren." Dort werde dann Raubbau betrieben, während die Deutschen stolz darauf seien, ihre heimischen Wälder nicht anzufassen. "Im Gegenteil: Deutschland muss mit seinem Rohstoff Holz eine Vorbildfunktion einnehmen", findet er. Bereits jetzt herrschen hierzulande hohe Standards. Zum Beispiel sind Waldbesitzer gesetzlich dazu verpflichtet, kahl geschlagene Flächen innerhalb von drei Jahren wiederaufzuforsten.

Sinnvoll wäre es dann natürlich, nicht nur Nadel-, sondern auch Laubbäume zu pflanzen. Denn ein naturnaher Wald stellt einen guten Kompromiss dar zwischen Umweltschutz und der Nutzfunktion des Waldes. "Deshalb bemühen wir uns in der Forstwirtschaft seit Jahren darum, den Wald umzubauen." Auch, wenn dies zuerst einige Nachteile mit sich bringt.

Gemeinsam mit dem Revierförster Frank Harder und anderen begutachtet Gordon Preetz die drei Flächen, die er vor einigen Jahren kahlschlagen musste. Stieleichen, Lärchen, Bergahorn und Rotbuchen hat er hier in den Jahren 2011 und 2013 angepflanzt – insgesamt über 11.600 auf einer Fläche von 2,5 Hektar. Der Anteil an Laubhölzern auf den drei Flächen beträgt jetzt bis zu 42 Prozent. Dies ist auch der Natur zu verdanken, die durch wild angeflogene Birken weiteres Laubholz dazuschenkte. Diese vertragen sich gut mit dem altmärkischen Sandboden und gedeihen wunderbar. Bereits vier Meter hoch sind sie gewachsen. Auch die Lärchen schießen in die Höhe. Währenddessen fassen die Buchen nur langsam Fuß und die zierlichen Eichen, eine wertvolle Holzart, machen Preetz fast Sorgen. „Sie müssen erst mit den Wurzeln das Grundwasser erreichen. Diese hier sind jetzt fünf Jahre alt. Ich hoffe, dass sie bald abgehen“, erklärt Preetz.

Laubbäume wachsen langsamer. Zudem muss man die empfindlichen jungen Bäume vor Verbiss schützen, indem man teure Zäune errichtet. Sie sollen das Reh- und das Damwild abhalten und auch die wilden Muffelherden, die sich mal hierher verirren könnten. Gegen die Wühlmäuse, die von den nahen Feldern kommen und hier im Wald sicher vor Greifvögeln sind, können die Zäune nichts ausrichten. Auch die Brombeere, die anfangs die frisch gepflanzten Setzlinge überwuchern, halten sie nicht zurück.

"Andererseits zeigt uns die Brombeere, dass hier ein guter Standort ist – nährstoffreicher Boden", freut sich Preetz über die gesunde Vegetation auf seinen Flächen. Insgesamt fast 17.000 Euro haben er und seine Mitgesellschafter in den vergangenen Jahren investiert, um die Flächen wiederaufzuforsten. "Einen großen Teil davon in die Zäune", erinnert er sich. Das erste Holz – das der Lärchen – wird er frühestens in 25 Jahren verkaufen können. Die Eichen hat er höchstens zum Nutzen seiner Enkelkinder gepflanzt. Vielleicht. Denn an Enkelkinder ist heute natürlich noch nicht zu denken.

Gordon Preetz, sein Großvater Sigurd Mansfeldt, Wolfgang Schulz, Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft, und Revierförster Frank Hader begutachten gemeinsam die wiederaufgeforsteten Flächen. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Das Bild zeigt Birken auf den sandigen Böden der Altmark.
Birken fühlen sich auf den sandigen Böden der Altmark wohl. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Viele Gründe, warum Waldbesitzer noch immer davor zurückschrecken, Laubbäume anzupflanzen. Ungünstige Strukturen tragen einen weiteren Teil dazu bei: Die einzelnen Waldflächen in Sachsen-Anhalt sind oftmals relativ klein, ungünstig gestaltet und zerklüftet. Die einzelnen Teilstücke liegen verstreut und haben viele verschiedene Besitzer. "Kleinprivatwald" oder "Gemengelage" nennen das Fachleute wie Gordon Preetz. Die einzelnen Eigentümer sind häufig nicht stark genug, um die größeren Herausforderungen des Mischwaldes zu stemmen. Was sie aber in vielen Fällen nicht wissen: Es gibt attraktive Förderprogramme, um sie zu unterstützen.

Gordon Preetz hält nicht mit Zahlen zurück: Von den 17.000 Euro, die hier für Pflanzung und Kulturpflege investiert worden sind, kamen allein rund 11.000 Euro aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für regionale Entwicklung. Zudem verdankt er fast 3000 Euro der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes" (GAK).

Schließlich erfüllt der Wald auch wichtige Aufgaben für das Allgemeinwohl. Er liefert nicht nur den nachwachsenden Rohstoff Holz, sondern auch sauberes Trinkwasser, dient der Erholung, sichert die Artenvielfalt und mindert die Bodenerosion. Ein robuster Wald, der dem Klimawandel trotzt, dient allen.

Stabile, widerstandsfähige Mischwälder könnten die ökologische und gleichzeitig die ökonomische Leistungsfähigkeit der heimischen Wälder erhöhen, weil sie die Risiken für Schäden minimieren. So bleiben regionale Forstbetriebe lebensfähig, könnten die holzverarbeitende Industrie beliefern und auch die regionale Versorgung mit erneuerbaren Energien sichern. 

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Lichte Momente – das Sonnenschloss Walbeck

Solarkraftwerke und andere Nutzungsideen sollen ein mittelalterliches Denkmal retten

 

(von Bianca Kahl)

 

Walbeck ist ein kleiner Ort bei Hettstedt. Nicht einmal 5000 Einwohnerinnen und Einwohner leben hier. Doch es ist ein sehr alter Ort, der einige Überraschungen zu bieten hat. Dazu gehört auch eine 22.000 Quadratmeter große Schlossanlage, bestehend aus einem zentralen Gutshaus mit zwei Seitenflügeln, einem großen Schlosshof und 13 Wirtschaftsgebäuden. "Königreich der Stoffe" steht auf einem Schild. Aus dem Torwärterhäuschen kommt Peter Endres. Doch er ist nicht etwa der Pförtner, sondern vielmehr der eigentliche Herr dieses außergewöhnlichen Reiches. "Sonnenkönig" wäre ein schöner Titel für ihn, doch er winkt nur ab.

Das Bild zeigt Schlossherr Peter Endres vor dem Torwärterhäuschen des Schlosses Walbeck.
Schlossherr Peter Endres hat auch schon das Torwärterhäuschen renoviert und für sich und seine Frau eine Ferienwohnung eingerichtet. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Das Bild zeigt die Schlossanlage Walbeck aus der Luft.
Das Schloss Walbeck wurde zum Solarkraftwerk – und zum Antrieb für ein ganzes Dorf. (Foto: Solarstern)

Peter Endres hat große Träume, seit er die marode Schlossanlage im Frühjahr 2011 für 58.000 Euro ersteigerte und ihr den Namen "Sonnenschloss" verlieh. Auf den Dächern baute der Unternehmer ein 6000 m² großes Kraftwerk mit einer Leistung von etwa 730 Kilowatt. Wie? Mithilfe von 16 Photovoltaik-Anlagen. Genug, um 200 Familien mit Strom zu versorgen, und um eine 1000 Jahre alte, denkmalgeschützte Schlossanlage vor dem Verfall zu retten. Denn die Dächer sind bereits undicht gewesen, viele Balken morsch, die Dachstühle waren teils einsturzgefährdet. Die Innenräume hatten voll Schutt gelegen und es war nur eine Frage der Zeit und des Wetters, wie lange das Schloss noch stehen würde.

Mit der Installation der Sonnenkollektoren ist Peter Endres in der Lage gewesen, die Dächer zu sanieren. Das hat auch die Zustimmung des Denkmalschutzes gefunden, denn ohne eine wirtschaftliche Nutzung hätten sich die Investitionen für niemanden gelohnt. Im Dezember 2011 ging das erste Modul in Betrieb.

Danach stellte sich die Frage: Was passiert mit dem vielen Raum für Ideen, der sich unter den Dächern verbirgt? Peter Endres holt die Walbecker Bevölkerung ins Boot, gründet einen Förderverein, klopft bei der LEADER-Aktionsgruppe Mansfeld-Südharz an. So erhält er allein aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) 145.000 Euro Förderung. Für insgesamt 503.000 Euro kann er die Fassade und die Fenster des Herrenhauses nach historischem Vorbild wiederherrichten. Stolz zeigt er das Hauptgebäude, das jetzt wieder in einem hellen Sonnengelb erstrahlt.

Das Bild zeigt einen schönen Innenraum des Schlosses Walbeck.
Raum sucht Ideen: Seit Dächer und Fassade dicht sind, warten die schönen Innenräume auf neue Bewohner. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

"Dächer, Fenster – von außen ist jetzt alles geschützt", sagt der Schlossherr. Innen können allerdings noch freundlichere Perspektiven einziehen. Noch immer bleibt viel Platz an der Sonne, viel Raum zum Träumen. Eine Gaststätte könnte sich der Hausherr hier zum Beispiel gut vorstellen. Stück für Stück sollen Veranstaltungs- und Ausstellungsräume entstehen. Eine junge Initiative aus Hettstedt um die engagierte Unternehmerin Franziska Hillmer arbeitet daran, ein kleines Wirtschafts- und Gründerzentrum einzurichten. Erneute Förderung ist bereits beantragt. Als Vorbild dient das österreichische Otelo-Projekt – ein offenes Technologie-Labor, das Kreative und Existenzgründern kostenlos eine Basis-Infrastruktur zur Verfügung stellt.

Das Bild zeigt das Ladenschild "Königreich der Stoffe".
Das "Königreich der Stoffe" residiert bereits unter den historischen Dächern, die dank Solarmodulen restauriert werden konnten. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Im Südflügel hat Endres schon damit begonnen, vier Wohnungen herzurichten. Eine davon ist bereits bezogen. Die Mieterin hat auch den alten Schafstall gepachtet und darin ihr "Königreich der Stoffe" errichtet, auf das das Außenschild verweist: Annett Willert, geboren in Walbeck, versendet in die ganze Welt Textilien. Schon als sie hörte, dass das Schloss saniert werden soll, war für sie klar, wo sie fortan residieren will.

Peter Endres freut sich über jeden, der eigene Ideen hat und mit anpacken will. Zu seinen Zielen gehört auch, jemanden zu finden, der auf dem Gelände eine ökologische Gärtnerei betreibt. Er selbst ist studierter Agraringenieur und hat den Umweltschutz stets im Blick. Wenn er sein Walbecker Sonnenreich betrachtet, dann hat er einen E-Bike-Verleih und eine Elektrotankstelle vor Augen.

Nachhaltigkeit bedeutet für ihn nicht nur Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Nachhaltigkeit bedeutet auch, die Dorfbewohnerinnen und -bewohner beim Erhalt des Schlosses mit einzubinden. Dies hier ist ihr Schloss. Das einstige Benediktinerinnen-Kloster ist aus Walbeck nicht wegzudenken und hat das Potenzial, eine ganze Region zu beleben. Bewusst beschäftigt Endres bei seinen Vorhaben nur Handwerksbetriebe aus der Region.

Rund zwei Millionen Euro hat Peter Endres bereits investiert. Für sich und seine Frau hat er das Torwärterhäuschen liebevoll saniert und sich eine Gästewohnung eingerichtet. Dort hält sich der Unternehmer aus Baden-Württemberg auf, wenn er in der Gegend zu tun hat. Weitere Ferienwohnungen sind geplant. Auch eine Reithalle und vermietbare Pferdeboxen hat er wieder hergerichtet, um die Reitsporttradition neu zu beleben. Er könnte noch viele Träume aufzählen, die er für sein Sonnenschloss hat. Bis hin zu einem eigenen Weinberg reichen sie. "Doch wenn ich eins in den letzten Jahren gelernt habe, dann dass ich nur einen Schritt nach dem anderen gehen kann", sagt er. Der "Sonnenkönig" strahlt.

 

www.sonnenschloss-walbeck.de

Das Bild zeigt ein transparentes Dach.
Früher eine öl- und rußverschmutzte Trekkerwerkstatt, heute ein transparentes Dach in die Zukunft der umweltfreundlichen Energiegewinnung: eines der vielen ambitionierten Projekte in Walbeck. (Foto: Solarstern)
Das Bild zeigt die mit ELER-Mitteln restaurierte Fassade des Gutshauses, die sich in den Solarmodulen spiegelt.
Die mit ELER-Mitteln restaurierte Fassade des Gutshauses spiegelt sich in den Solarmodulen. (Foto: Solarstern)

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Ein Mal Bauernhof und Eis, bitte!

Der VierZeithof in Bebertal bietet auch im Herbst ein schönes Ausflugsziel

(von Bianca Kahl)

Marion Schnitzler ist selbst leidenschaftliche Radfahrerin und fand auf ihren Touren Gefallen an der Landschaft der Magdeburger Börde. 2010 entdeckte sie in Bebertal einen schönen alten Bauernhof, direkt am Elbe-Aller-Radweg. Das Schild „Zu verkaufen“ brachte ihr die Idee, eine Radpension einzurichten. Sie nahm das Kaufangebot an, nannte den Vierseithof fortan „Vierzeithof“ und zog kurze Zeit später von Berlin nach Bebertal.

Heute sitzt sie auf einer Bank und blinzelt in die Sonne. Dass sie bereits 62 Jahre alt ist, kann man ihr nur schwer glauben. Sie genießt den lauen Abend und blickt zurück auf die vergangenen fünf Jahre, auf die Vorstellungen und Pläne, die sie damals hatte. „Es geht mir gut hier“, sagt die Berlinerin, die jetzt in einem Ort mit etwa 1600 Einwohnern lebt, einem Ortsteil der Einheitsgemeinde Hohe Börde. „Dennoch ist es einfach nicht so gekommen, wie ich es erwartet hatte.“ Einst hat sie EDV-Programme bereit gestellt, heute backt sie Kuchen und schüttelt Betten auf. Das war kein Traum von ihr, sondern vielmehr eine spontane Idee. Sie macht eine Pause. Dann fügt sie an: „Ich bleibe dran. Hoffentlich halte ich noch lange durch.“

Das Bild zeigt einen offenen efeubewachsenen Torbogen. Man sieht durch den Bogen den Bauernhof. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Der VierZeithof, ein ehemaliger Bauernhof in Bebertal, hat seinen ganz eigenen Charme. Das mögen die Gäste. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Sie ist allein nach Bebertal gezogen, hat Stück für Stück ein gemütliches Einzelzimmer und drei Doppelzimmer eingerichtet, die man auch als Ferienwohnung nutzen kann. Das Internetportal www.bettundbike.de führt seither auch Gäste zu ihr, die weitere Wege zurücklegen. Sie bewirtete sie von Anfang an in ihrem Hofcafé, doch eine Regenvariante fehlte. Deshalb beantragte sie 2012 Fördergelder aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) – und erhielt eine Bewilligung für rund 50.000 Euro. Das versetzte sie in die Lage, für insgesamt 160.000 Euro ein Stallgebäude umzubauen. Sie richtete einen kleinen Gastraum mit Wohnzimmercharme ein. 30 Personen finden hier Platz, in einer Vitrine stehen selbst gebackene Kuchen.

Ein Ort, an dem man auch in der kalten Jahreszeit ein Eis genießen kann. „Ich verkaufe hier das frische Bauernhof-Eis aus Uthmöden – das zieht die Leute schon an“, sagt Marion Schnitzler. Viele ihrer Gäste kommen aus Haldensleben, denn die Innenstadt liegt nur 9 Kilometer entfernt. Eine schöne Strecke für eine kleine Radtour mit Eis-Pause. Auch aus Süpplingen und Erxleben kommen die Radfahrerinnen und Radfahrer. Das Schloss Hundisburg, ein beliebtes Reiseziel für Touristinnen und Touristen, erreicht man von Bebertal aus per Fahrrad in nicht einmal 20 Minuten.

Insgesamt ist Bebertal gut gelegen. Der Ort befindet sich genau an der Schnittstelle von Holunder- und Elbe-Aller-Radweg. Mit der örtlichen Tauf- und Radfahrerkirche St. Godeberti hat Marion Schnitzler eine Vereinbarung getroffen: Die Besucher dort können bei ihr Rast machen und zur Toilette gehen. Umgekehrt weist sie auch ihre eigenen Gäste auf das dortige Angebot hin.

Das Bild zeigt einen hellen Gastraum. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Mithilfe von ELER-Mitteln hat Marion Schnitzler diesen Gastraum ausgebaut, wo sie ihre Gäste das ganze Jahr über bewirten kann. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Auch die schrittweise Restauration dieser Kirche wird aus dem ELER gefördert. Seit 2011 wurden für insgesamt 126.000 Euro das Mauerwerk sowie die Fenster saniert. Davon kamen 57.000 Euro von der EU. Die Kirche beherbergt einen überregional bekannten barocken Taufengel. Die Kirchgemeinde hofft, ein breiteres Publikum dafür zu interessieren und sie so retten zu können. Der Radtourismus könnte ihr dabei in die Hände spielen.

Die Strecken durch die Hohe Börde werden immer beliebter. Auch in Bebertal gibt es ein paar Sehenswürdigkeiten zu bestaunen. Dazu gehören das märchenhafte Schloss Veltheimsburg, die barockisierte Marktkirche und eine alte Friedhofskapelle, die an der Straße der Romanik liegt. Für eine Stärkung bieten sich mehrere Gasthäuser zur Pause an. Wer vorbestellt, kann sich auch von Marion Schnitzler mit einem leckeren Mittagessen bekochen lassen. „Wild und Gemüse – so etwas bereite ich zum Beispiel gern zu. Das macht mir Spaß.“

Das Bild zeigt den Hof, gefüllt mit Besuchern an Tischen und Stühlen, mittendrin steht Marion Schnitzler. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Die Betreiberin Marion Schnitzler freut sich, wenn das Café mal voll ist. Das einzige, was ihr dann noch fehlt, ist jemand, der mit anfasst. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Doch bei aller Freude: Im Café Eiszeit könnte es noch besser laufen. „So wie ich mir den Hof als Treffpunkt für Jung und Alt vorgestellt habe, ist es noch nicht“, merkt die Betreiberin an. „Es könnte mehr los sein im Ort.“ An diesem Mangel wollte sie selbst gern ansetzen. Doch ihre Angebote werden nicht in dem Maße angenommen, wie sie das ursprünglich erwartet hätte. Sie persönlich sei gut integriert und habe Freunde gefunden. Auch der geschäftliche Einstieg war damals ganz gut gelaufen, doch alsbald trat eine Pause ein. „Mittlerweile bekommen die Besucherzahlen eine gewisse Beständigkeit“, erklärt die Wirtin. Es braucht eben manchmal einen langen Atem, um sich im ländlichen Raum zu etablieren. Entwicklungen brauchen ihre Zeit.

Marion Schnitzler jedenfalls hat noch ein paar Ideen, was sie ausprobieren möchte. Aufgeben kommt für sie noch nicht in Frage. Unter anderem engagiert sie sich im Landfrauenverband, um ihr Netzwerk weiter auszubauen. Soweit es die Ressourcen erlauben, baut sie den Hof Schritt für Schritt weiter aus.

Das Bild zeigt eine blumenberankte Wand mit Fenster. An der Wand befindet sich ein Schild bett + bike adfc (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Dank eines Eintrags im Internetportal www.bettundbike.de finden immer wieder auch Übernachtungsgäste von weiter her den Weg in die Börde. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Der Vorteile dieses Ortes ist sie sich nach wie vor bewusst: „Die urige Atmosphäre mitten in diesem Vierseithof – das mögen die Gäste.“ Erst kürzlich hat sie deshalb eine kleine Bühne gebaut. Das macht es noch attraktiver, gelegentlich Veranstaltungen anzubieten. Sie möchte im Dorf etwas erleben. Im „Café Eiszeit“ stehen deshalb auch Lesungen, Theateraufführungen oder kleinere Konzerte auf dem Programm. „Natürlich bin ich auch offen für Privatfeiern oder Leute, die mit eigenen Ideen an mich herantreten“, sagt Marion Schnitzler.

Was sie sich noch wünschen würde, wäre jemand, der ihr ab und an im Eiscafé unter die Arme greift und ebenfalls Freude an der Bewirtung der Gäste hätte. Denn es gibt eben auch die Tage, an denen hier richtig viel los ist. Gerade während der Feiern und Veranstaltungen ist die Arbeit allein kaum zu bewältigen. Und das zu jeder Jahreszeit. Daher rührt ja auch der Name der Radpension mit Café: Vierzeithof.

www.hofcafe-eiszeit.de
www.bettundbike.de
Eine Radwanderkarte mit allen Sehenswürdigkeiten in der Hohen Börde:
http://www.hoheboerde.de/upload/dokumente/freizeit/Radwanderkarte.pdf 

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Da kann man nicht meckern

Auf dem Schäferhof Langenstein gibt es eine Festscheune für Großveranstaltungen.

(von Bianca Kahl)

Es begann mit einem Jubiläum: 2006 drohte die lang geplante 850-Jahr-Feier des kleinen Ortes Langenstein im Harz buchstäblich ins Wasser zu fallen, denn starker Regen war angesagt. Die Suche nach einem größeren Saal für den Festakt blieb erfolglos. „Bei 100 Personen ist in der Regel Schluss“, sagt Holger Werkmeister und schaltet das Licht im ehemaligen Schafstall an. Heute ist die Scheune ein Festsaal für Großveranstaltungen, doch hat sie ihr rustikales Ambiente nicht verloren. Alte Sandsteinmauern und verwitterte Holzbalken erzählen von ihrer Geschichte. Sogar in den modernen Toilettenräumen ist das historische Gebälk zu sehen. „Diesen Saal kann man für bis zu 350 Gäste bestuhlen“, erklärt Werkmeister. Hinzu kommen eine Bühne, ein kleinerer Bereich, der für den Empfang oder als Standort für ein Buffet dienen kann, sowie die Bar „Merinos“ mit Bistrotischen für bis zu 80 Personen. Da kann man nicht meckern.

 

 

Das Bild zeigt einen großen Veranstaltungsaal. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Das hat in der Region bis vor kurzem gefehlt: Ein großer Veranstaltungssaal für mehrere Hundert Besucher. Der alte Stall des Schäferhofes Langenstein macht‘s möglich. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Schafe sind das eigentliche Betätigungsfeld des Merino e. V. Der Verein, für den Holger Werkmeister den stellvertretenden Vorsitz übernommen hat, hält sich eine Herde mit fast 1000 Tieren, mit deren Hilfe er die Kulturlandschaft Harz und Harzvorland pflegt und somit erhält. Der alte denkmalgeschützte Langensteiner Schäferhof aus dem Jahr 1823 befindet sich ebenfalls im Besitz des Vereins. Die rund 50 Mitglieder wollen den schönen Vierseithof pflegen und erhalten. Seit 1995 sind dort ein Landhotel mit Restaurant entstanden, außerdem ein Hofladen mit regionalen Produkten und natürlich der Freisitz im urigen Innenhof – inklusive Lehmbackofen und ein paar Schafen zum Anfassen.

Das Gebäude des Schafstalls war hüfthoch mit Mist gefüllt, als sich die engagierten Mitglieder dort 2006 an die Arbeit machten. „Ausmisten“ im wahrsten Sinne des Wortes – das war als erstes angesagt. Doch dann ist es erst mal ruhiger geblieben im Stall. 

„2013 haben wir schließlich unseren Antrag abgegeben. Aber wir landeten auf dem letzten Platz in der Zuwendungsliste, weil uns einfach keiner mehr zugetraut hat, dass wir das wirklich noch durchziehen“, erinnert sich Holger Werkmeister und muss lächeln. „Sogar beim Minister haben wir dann vorgesprochen, um für unser Vorhaben zu werben.“ Ein neues Dach, Fenster, Türen, Tore und die Renovierung des Fußbodens standen auf dem Plan. Auf dem Vereinskonto lagen 65.000 Euro Eigenmittel, die größtenteils kurzfristig über Spenden eingesammelt worden sind. Beantragt hat der Verein Fördermittel in der Höhe von 195.000 Euro. Ein großer Teil davon kam aus dem ELER, dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums.

Auf dem Bild: Holger Werkmeister. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Holger Werkmeister zeigt stolz die eingerichteten Toiletten im Stall. Selbst sie profitieren vom einzigartigen Ambiente. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Letztlich bekamen die Merinos die Zusage und wurden zu einem der geförderten Projekte in der LEADER-Region Rund um den Huy. 2013 konnten sie damit beginnen, den alten Stall zu beräumen und zu entkernen. Doch das Gebäude war noch maroder als gedacht und die Merinos brachten unter anderem im Dachgebälk böse Überraschungen zutage. So gingen sie erneut mit dem Klingelbeutel rum, klopften bei Unternehmen in der Region an und fanden zum Glück weitere Unterstützung. Die meisten Renovierungsarbeiten setzten sie in Eigenleistung um. Am Ende mussten sie dennoch 340.000 Euro Gesamtkosten verzeichnen – 31.000 Euro mehr, als ursprünglich kalkuliert.

Holger Werkmeister setzt sich im „Merinos“, der kleinen Bar direkt neben der Küche, auf einen der Stühle und erzählt Geschichten aus der Zeit des Umbaus. Toll sei das gewesen, erinnert er sich, ein unbeschreibliches Gemeinschaftsgefühl. Jeden Abend nach der regulären Arbeit ging es auf die Baustelle, wo man auch immer zusammen zu Abend gegessen hat, am Sonnabend zudem Mittag. Urlaub wurde langfristig geplant und den Familien hoch und heilig versprochen.

„Das muss heute noch fallen“ ist einer von Werkmeisters typischen Sätzen, die aus diesen sieben Monaten Bauzeit in die gemeinsame Erinnerung eingingen. Ein Mal, als nicht genug Leute vor Ort waren, ist der 54-Jährige nach nebenan in den Festsaal des Landhotels gegangen, hat sich das Mikrofon geschnappt und einfach mitten in eine große Veranstaltung hineingerufen, dass er ein paar kräftige Männer brauche. Prompt folgten ein paar Herren in Schlips und Anzug seiner Bitte und gingen hinüber in die Scheune, um gemeinsam eine Wand aufzurichten. Ein anderes Mal kamen am Wochenende spontan die Nachbarn aus dem Dorf und fassten mit an. „Wir können nicht mit ansehen, wie ihr euch hier quält“, haben sie gesagt.

Das Bild zeigt einen gemütlichen Gastraum mit Tischen und Stühlen aus dunklem Holz. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Das Merinos ist ein abgetrennter, schicker Bar- und Bistrobereich innerhalb des alten Stallgebäudes. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Mittlerweile finden in der Scheune jedes Wochenende Veranstaltungen statt. Hochzeiten, runde Geburtstage, aber auch Betriebsfeiern. Hinzu kommen regelmäßige Märkte sowie andere öffentliche Veranstaltungen wie Konzerte oder Lesungen. Das Landhotel Schäferhof bietet mit 20 Doppelzimmern Übernachtungsmöglichkeiten direkt nebenan. Was als nächstes auf dem Plan steht, ist eine solide Heizungsanlage. Bisher kommt die Wärme aus Heizpilzen und im Winter kann es ziemlich ungemütlich werden.

„Ach ja, hier ist wirklich immer was zu tun. Jeden Tag könnte man hier arbeiten“, stöhnt Holger Werkmeister und betrachtet die Überdachung auf dem Innenhof, unter der drei Schafe ihr Heu fressen. Ein paar Ziegel sind eingebrochen. Die Schafe stört es nicht. Die Gäste, die im Innenhof ihr Mittagessen genießen, haben es auch nicht bemerkt. 

Das Bild zeigt ein Schaf vor einer mit Heu gefüllten Futterkrippe. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Ganz klar: Auf einem echten ehemaligen Schäferhof wollen die Besucher auch echte Schafe sehen.(Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Weitere Informationen erhalten Sie hier:
http://www.schaeferhof-langenstein.de/

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Ein Spaziergang im Garten Gottes

Das Kloster auf dem Petersberg ist zu einem beliebten Ausflugsziel geworden

(von Bianca Kahl)

Eine Kirche, die immer offen steht. Ein Birnbaum, der aus dem Felsen wächst. Ein Ort, an dem die Uhren langsamer ticken.

Das Bild zeigt drei Herren auf einer Bank vor einem alten Gebäude. Sie unterhalten sich. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Jochen Heyroth, Siegfried Winkler und Bruder Johannes Wohlgemuth besprechen, was sie geschafft haben – und was noch zu tun ist, um die schöne Kirche zu retten. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Der Koch vom Kloster Petersberg läuft in den Kräutergarten, um frische Minze für das Mittagessen zu schneiden. Derweil lassen sich Jochen Heyroth, Siegfried Winkler und Bruder Johannes Wohlgemuth im Schatten am kleinen Holztisch nieder. Jochen Heyroth hat dicke Ordner mitgebracht. Zehn Jahre lang war er der Vorstandsvorsitzende der Kirchlichen Stiftung Petersberg. Dieses Jahr verabschiedet er sich aus diesem verantwortungsvollen Ehrenamt und übergibt die Aufgaben an die Pfarrerin i.R. Hanna Manser. Es gibt noch einiges mit den beiden anderen Vorstandsmitgliedern zu besprechen.

Sie haben bereits vieles geschafft, um die 800 Jahre alte Stiftskirche St. Petrus, das Herzstück auf dem Petersberg, zu erhalten. Doch es liegt auch noch viel vor ihnen. „Schauen Sie sich um, dies war bis vor Kurzem eine Wüste“, sagt Bruder Johannes. Als der heutige Prior gemeinsam mit anderen Brüdern der Communität Christusbruderschaft  im Jahr 1999 dem Ruf auf den Petersberg gefolgt war, musste er mit dem Ort erst warm werden. Die Gebäude des alten Klosters waren in einem ruinösen Zustand und man begann zunächst damit, das historische Pfarrhaus zu restaurieren, um im Erdgeschoss ein wenig Wohnraum für die Brüder zu schaffen. Von dort aus arbeiteten sich die Männer langsam vor und boten gleichzeitig Gottesdienste und andere Veranstaltungen an.

Das Bild zeigt einen Hof mit einer Rasenfläche, die in der Mitte bepflanzt ist. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Ein Garten Gottes: Der neu gestaltete Innenhof mit den Feldern „Glaube-Liebe-Hoffnung“. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

„Dies ist so ein besonderer Ort“, sagt Jochen Heyroth. „Man muss immer bemüht sein, ihn zu pflegen und zu erhalten.“ Rund 50.000 Besucherinnen und Besucher kommen mittlerweile jedes Jahr auf den Petersberg. Die Bruderschaft lockt sie mit vielen Angeboten – von Konzerten und Lesungen über Fasten- und Einkehrtage bis hin zu seelsorgerischen Seminaren. In der Kirche finden Tagesgebete statt. Im einfach eingerichteten „Eremo“, einem kleinen, separaten Gebäude, kann man sich ein paar Tage zurückziehen und auf Wunsch am Klosterleben teilnehmen. Hinzu kommen sechs Doppelzimmer in einem neu errichteten Gästehaus.

Doch viele Besucherinnen und Besucher schauen auch einfach aus Neugier vorbei, um diesen landschaftlich wie auch kulturhistorisch bedeutsamen Ort mit eigenen Augen zu sehen und die einzigartige Atmosphäre selbst zu erspüren. Die Stiftskirche ist ein weithin sichtbares Wahrzeichen des nördlichen Saalekreises. Selbst zu DDR-Zeiten sind die Menschen hinauf auf den Petersberg gepilgert. Jedes Jahr am Sonntag nach Himmelfahrt fand hier ein großes christliches Jugendtreffen statt.

Das Bild zeigt eine Sitzgruppe im Garten (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Idyllische Ruheplätze laden dazu ein, zur Besinnung zu kommen. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Heute ist das gesamte Areal um den Petersberg ein Naherholungsgebiet für die Menschen aus Halle (Saale) und den umliegenden Ortschaften. In der schönen Landschaft lässt es sich wunderbar wandern und entspannen. Ein Tierpark, ein Walderlebnispark, der Bismarckturm und ein Museum zur regionalen Geschichte sind beliebte Ausflugsziele. Viele dieser Sehenswürdigkeiten wurden als LEADER-Projekte der Lokalen Aktionsgruppe "Unteres Saaletal und Petersberg" mit EU-Mitteln gefördert.

Auch das Kloster Petersberg selbst hat von dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) profitiert: 2012 kamen der kirchlichen Stiftung Petersberg  rund 76.000 Euro zugute. Für insgesamt 160.000 Euro hat sie unter anderem den Vorhof zur Besucherinformation neu mit Natursteinen pflastern und den Innenhof zwischen dem historischen Pfarrhaus und dem neu errichteten Gästehaus gestalten lassen.

Bruder Johannes Wohlgemuth und Siegfried Winkler laufen ein letztes Mal gemeinsam mit Jochen Heyroth die Anlage ab. Sie betrachten die Felder „Glaube-Liebe-Hoffnung“, ein Gestaltungselement in der Mitte des schönen neuen Gartens. Das Feld, das die Liebe darstellt, ist rot bepflanzt, die „Hoffnung“ leuchtet grün. Auf dem Feld „Glaube“ wächst ein kleines Bäumchen aus steinernem Untergrund – eine Felsenbirne.

Das historische Pfarrhaus spiegelt sich in den Fenstern des modernen Gästehauses. „Das wirkt wie ein Kreuzgang“, freut sich Heyroth über das, was sie hier geschafft haben. Ein Mann lässt sich gerade auf einer Parkbank nieder und wirkt ganz in sich versunken. Er scheint die drei Männer gar nicht wahrzunehmen, nur die Natur um sich herum. Er ist ein Teilnehmer eines Seelsorgeseminars und hat gerade Mittagspause.

Bruder Johannes muss nun in der Basilika das kurze Mittagsgebet anstimmen. Die kleine Gesellschaft begleitet ihn durch den schmalen Gang in das imposante Schiff des nationalen Kulturdenkmals. „Unsere Stiftskirche steht immer offen. Für jeden“, sagt Bruder Johannes und zieht seinen weißen Talar über. Er stimmt das Gebetslied an. Die Stimmen hallen durch den hohen Raum und die Gruppe hält einen Moment inne. Danach schauen sich die Männer mit kundigem Blick um und sehen, was den anderen Gästen gar nicht auffällt: Hier wartet noch jede Menge Arbeit. Der Dachstuhl wurde erst saniert; in diesem Jahr wird der Turm neu eingedeckt. Voraussichtlich bis 2020 soll die Sanierung der schönen Kirche abgeschlossen sein.

Spirituelle Angebote unter: http://christusbruderschaft.de 

Aktuelle Veranstaltungen unter: www.petersberg-freundeskreis.de

 

 

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Im Hühnermobil zu Hause

Die Erfolgsgeschichte eines jungen Bauern und seiner zufriedenen Hennen

(von Bianca Kahl)

Es ist ein Holzschild, ein Pfeil mit der Aufschrift „Täglich frische Eier“, das den Weg weist. Auf einem Bauernhof im kleinen Dorf Nonnewitz bei Zeitz steht Philipp Zimmermann und lächelt. Erst seit Juli ist er der Herr auf diesem Hof. Der 24-Jährige hat den ganzen Tag über viel zu tun, doch gestresst wirkt er nicht. Er ist ein Überzeugungstäter. Ein Bauer, der den Namen „Jungunternehmer“ verdient.

Jungbauer Philipp Zimmermann sortiert die Eier, die frisch gelegt worden sind. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Bereits als Teenager interessierte er sich für die Landwirtschaft, wollte draußen an der frischen Luft sein. Ihm zuliebe übernahmen seine Eltern vor etwa 13 Jahren den alten Bauernhof der Großeltern, modernisierten ihn grundlegend und belebten ihn wieder, indem sie zunächst mit Ackerbau begannen. Vor einigen Jahren kam der junge Mann dann auf die Idee, Eier aus Freilandhaltung zu produzieren.

„Das ist eine Marktlücke hier in der Region“, sagt er. „Es gibt eigentlich nur Eier aus großen, industriellen Anlagen. Doch immer mehr Leute wollen wissen, wo ihr Essen herkommt.“ Er erzählt, wie sehr es seine Kundinnen und Kunden schätzen, nur um die Ecke die Straße hinunter gehen zu können und dort mit eigenen Augen zu sehen, wie es seinen Hühnern geht. Sie leben auf einer großen Wiese, eingeschränkt nur von einem elektrischen Zaun, und wirken genauso entspannt wie ihr Halter. Überall gluckst und scharrt es. Die Hennen, die keine Lust auf Sonne haben, verkriechen sich im Inneren von zwei Hühnermobilen.

Dieses Hühnermobil in Nonnewitz ist das Zuhause von etwa 250 Hennen. Sie können sich frei auf der Wiese bewegen. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Das erste Hühnermobil hat Philipps Vater Christian Zimmermann bereits im Jahr 2012 angeschafft. Es gleicht einem Campingwagen, den man ans Auto anhängen kann. Bewegt wird es alle paar Wochen, wenn die Hühner das Gras weggescharrt haben und frisches Grün brauchen. Das alte Wiesenstück kann sich dann erholen.

Philipp Zimmermann zeigt stolz, wie alles funktioniert. Morgens öffnet sich automatisch eine Auslaufklappe, sodass sich die rund 250 Hühner frei bewegen können. Viele von ihnen tapsen draußen auf der Wiese umher und rennen direkt auf ihn zu, als er kommt. Die Hühnerdamen scharen sich um ihn. Dabei hat er gar keinen Weizen dabei. Den gibt es heute nur in den Silos im Inneren des Mobils, der „Wohnstube“ der Hennen.

Auch die Mehrzweckhalle auf dem Hof der Familie Zimmermann wurde mit Mitteln aus dem ELER gefördert. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Der Jungbauer öffnet eine weitere Klappe, sodass er zwei Hühner in ihren Nestern „erwischt“. Zwei Mal am Tag „nimmt man hier Eier ab“, wie es Zimmermann ausdrückt. Insgesamt kommt die Familie auf etwa 1300 Eier täglich, denn das Sprichwort stimmt: Jedes Huhn legt am Tag ein Ei – und die Nonnewitzer besitzen mittlerweile viel mehr Geflügel als die 250 Hühner, die in diesem ersten Mobil zu Hause sind. Es ist eine Erfolgsgeschichte.

Philipp Zimmermann erinnert sich an den Anfang. Er hatte bereits seine Ausbildung zum Landwirt abgeschlossen und studierte Betriebswirtschaftslehre, als sein Vater im Nebenerwerb die Grundlagen legte für eine funktionierende Landwirtschaft. Der Senior kaufte für insgesamt 150.000 Euro das erste Hühnermobil und errichtete auf dem Hof eine neue Mehrzweckhalle. Dort lagern Getreide, Heu und Geräte. Unterstützung fand er dabei aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums: Aus dem ELER flossen rund 34.000 Euro.

Die Eier von der grünen Wiese kamen so gut an, dass die Familie Zimmermann im ehemaligen Pferdestall auf dem Hof Platz schufen für 400 weitere Hühner. Später kam noch ein zweites, größeres Hühnermobil dazu, in dem rund 700 Hennen zu Hause sind. Es steht nur 50 Meter vom ersten entfernt. Der Junior geht hinüber und steigt die paar Stufen der Metalltreppe zur Eingangstür hoch. Unter der Treppe sitzt ein Huhn. „Ja, es büxt immer mal eins aus“, sagt der Landwirt. „Das hier zieht sich immer da unten hin zurück, um sein Ei zu legen.“

Ein Förderband bringt zutage, was Zimmermanns viele Mitarbeiterinnen heute schon geschafft haben. Er sortiert die Eier in die Pappformen. Sie sind auffällig groß. „Hühner legen unterschiedlich große Eier, je nachdem, wie alt sie sind“, erklärt er. „Doch unsere sind irgendwie immer recht groß. Wahrscheinlich, weil es denen so gut geht“, sagt er und strahlt. Mittwochs und freitags verkauft seine Mutter die Eier auf dem Zeitzer Wochenmarkt. Doch am schönsten dürfte es sein, das Frühstücksei direkt bei ihm im Hofladen zu kaufen – inklusive freundlichen Händedrucks und einem Besuch bei den zufriedenen Legehennen auf der grünen Wiese.

www.huehnerhof-zimmermann.de

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Ein Alptraum mit traumhaftem Happy End

STARK III sorgt für einen Klimawechsel in der Sekundarschule Hohenmölsen

(von Bianca Kahl)

Es sind unglaubliche Zustände, die Frank Keck schildert. Von außen habe die Sekundarschule Hohenmölsen augenscheinlich immer ganz passabel ausgesehen, erzählt der Schulleiter. Doch in Wahrheit hatte sich hier seit der ersten Eröffnung im Jahr 1961 baulich nicht mehr viel getan. Wie der Schulleiter berichtet, war die Elektrik noch im Originalzustand, inklusive einer einzigen, veralteten Steckdose pro Klassenzimmer. Wasseranschlüsse konnte man in den Unterrichtsräumen vergeblich suchen. Was Fluchtwege und Brandschutz angeht, „musste man immer nur hoffen, dass nichts passiert.“ Die Presse attestierte der Schule den baulich schlechtesten Ruf im Burgenlandkreis.

Schulleiter Frank Keck führt stolz eine der digitalen Tafeln vor. (Foto: Ministerium der Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt)

„Gerade im Winter war es katastrophal“, erinnert sich Frank Keck. Das Dach war undicht, so dass es in der obersten Etage in den Flur geschneit hat. Im Biologie- und Physikraum der Sekundarschule Hohenmölsen bildeten sich Eiskristalle an den Wänden, obwohl die Heizung auf höchster Stufe lief. „Dort drin konnte kein Unterricht stattfinden. Es war einfach zu kalt.“

So konnte es nicht weitergehen. Im Sommer 2013 zogen Schüler- und Lehrerschaft für eineinhalb Jahre in Ausweichquartiere. Mittlerweile läuft der Schulbetrieb wieder an alter Stelle – und die Heizung im Winter auf niedrigster Stufe, doch die Räume sind angenehm warm. „Wir merken bereits zum jetzigen Zeitpunkt, das wir deutlich an Energiekosten sparen“, versichert Keck. Am 7. Januar 2015, direkt nach den Ferien zum Jahreswechsel, sind die Lehrkräfte und die rund 400 Jugendlichen zurückgekommen – und haben im wahrsten Sinne des Wortes ein angenehmes Lernklima vorgefunden: Dank eines „Klimawandels“ mit Rückenwind aus dem Förderprogramm STARK III.

Die Sekundarschule Drei Türme in Hohenmölsen erstrahlt in neuem Glanz. (Foto: Ministerium der Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt)

Ein Teil des Gebäudes wurde abgerissen und neu errichtet, während Haupthaus und Turnhalle umfassend saniert worden sind. Für insgesamt rund 7,3 Millionen Euro fand ein Wechsel von „katastrophal“ zu „optimal“ statt. Davon wurden allein 4,2 Millionen Euro von „STARK III“ zur Verfügung gestellt. „STARK III“ wird aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) gespeist. Die europäische Union unterstützt damit die Sanierung von Kindergärten und Schulen in ganz Sachsen-Anhalt nach energetischen Gesichtspunkten, um Energiekosten zu sparen. Mit dem Geld sollen auch eine angenehme Lernumgebung geschaffen und die IT-Ausstattung gefördert werden.

So ist es auch in Hohenmölsen geschehen: Wenn man heute durch das Schulhaus geht, erscheinen die Schilderungen Frank Kecks wie ein schlimmer Alptraum – der sich in einen Traum verwandelt hat. „Die Bedingungen sind ideal“, freut sich der Schulleiter. „Es bleibt nichts mehr zu wünschen übrig.“ Und das meint er wörtlich. Denn die Lehrkräfte wie auch die Schülerinnen und Schüler wurden bei den Bauplanungen mit einbezogen und nahezu alle ihre Wünsche wurden erfüllt.

Während der Bauphase haben Schülerinnen und Schüler ihre Wünsche mit Hilfe von Legosteinen verwirklicht. Frank Keck zeigt das Basketballspielfeld, dass sie sich auf dem Dach der Schule erträumt hatten. (Foto: Ministerium der Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt)

„Als Lehrer hat man eine andere Perspektive als ein Ingenieur. Wir hatten ein Raumkonzept erarbeitet und es ist eins zu eins umgesetzt worden.“ Das heißt: Die Schule ist in Fachbereiche unterteilt mit jeweils einem Raum für die Materialien. Ab der siebten Klasse bleiben die Jugendlichen nicht den ganzen Tag in einem Raum, sondern wechseln je nach Schulfach ins exzellent ausgerüstete Kabinett. „Wir haben zwei nagelneue Computerkabinette à 22 Arbeitsplätze“, nennt Keck ein Beispiel. Zudem gibt es von den entsprechenden Lehrern Fachräume für Physik beziehungsweise Biologie, einen Hauswirtschaftsraum mit Küchenzeilen, einen Musikraum mit je einem Keyboard für jeden Jugendlichen und vieles mehr. Die einzelnen Fachbereiche sind in den Fluren mit einer eigenen Farbe gekennzeichnet.

Während der Bauphase hatten sich die Lehrerinnen und Lehrer auf die moderne IT-Technik vorbereitet, die sie im nagelneuen Schulhaus erwartete: 18 interaktive Tafeln sowie Beamer an den Decken der übrigen Räume. Frank Keck schmunzelt heute über die damaligen Sorgen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie hatten darauf bestanden, wenigstens einige der althergebrachten Polylux-Geräte zu behalten, mit denen sie gewohnt gewesen waren, zu arbeiten. „Heute stehen die nur rum“, amüsiert sich der Schulleiter und führt eine der neuen, modernen Tafeln vor. Sie funktioniert ähnlich einem großen Computerbildschirm mit Berührungsfunktion. Die Schaubilder können zu Hause vorbereitet und über einen USB-Stick auf die Tafel gebracht werden. Es gibt die Möglichkeit, das Internet zu nutzen und wie auf einer herkömmlichen Tafel zu schreiben. Die Abbildungen können einfach gespeichert und in der nächsten Stunde zur Wiederholung wieder aufgerufen werden.

Frank Keck strahlt bis über beide Ohren. Er wirkt wunschlos glücklich und kann auch nicht über Klagen von den Schülerinnen und Schülern berichten, im Gegenteil. „In einem schönen Umfeld verhalten sich Jugendliche anders als in einer herunter gekommenen Umgebung“, gibt er zu bedenken. Allesamt gehen sorgsam mit Inventar und Arbeitsmaterialien um.

Für den neuen Namen, den es parallel zur Neueröffnung gab, hat sogar ein Wettbewerb stattgefunden.  „Sekundarschule Drei Türme Hohenmölsen“ ist das Ergebnis. Die drei Wahrzeichen der Stadt finden sich auch im neuen Schullogo wieder und eine Arbeitsgemeinschaft hat sie mit Legosteinen nachgebaut.

Da fällt Frank Keck noch etwas anderes ein: Ein weiteres Projekt während der Bauphase. Schülerinnen und Schüler stellten mit einem Legomodell dar, wie sie sich ihre neue Schule vorstellen. Mit viel Fantasie und Enthusiasmus brachten sich alle Mitwirkenden ein. Von Sammelkisten für Legospenden in der Stadt bis hin zu stundenlangen Tüfteleien am Bau im Kleinen. Das Modell gibt es natürlich noch heute. Es zeigt, dass doch nicht alle Wunschträume bis zum letzten erfüllt worden sind: Die Schule aus Legosteinen besitzt eine Art gläsernen Wintergarten als Lehrerzimmer und auf dem Flachdach ein Basketballspielfeld.

www.sdt-hhm.de
www.starkiii.de

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Luthertomaten von April bis November

Die Wittenberg Gemüse GmbH bereitet die zweite Ernte-Saison vor

(von Bianca Kahl)

In der Natur freut man sich noch über die Frühblüher. Die Bäume beginnen erst, auszutreiben. In Wittenberg ist man seiner Zeit voraus. In zwei 7,5 Hektar großen Gewächshäusern wurden bereits im Dezember 600.000 neue Tomatenpflänzchen in Kokossubstrat gesetzt. Ihre Triebe haben sich langsam um die Rankhilfen gewunden. Inzwischen prangen bereits überall rote Früchte. Doch sie brauchen noch ein paar Tage, sind noch nicht geschmackvoll genug. Voraussichtlich nach Ostern kann die Ernte beginnen. „Wir hatten dieses Jahr zu wenig Sonneneinstrahlung“, begründet Wichard Schrieks den Zeitpunkt und nennt ihn spät. Doch jeder Hobbygärtner kann nur staunen: Dieselbe Pflanze wird von April bis November vollen Ertrag bringen.

Ein Mann steht in einem sehr großen Gewächshaus. Neben ihm sthen sehr viele kleine Pflanzen. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Wichard Schrieks, einer von drei Investoren aus den Niederlanden, blickt zuversichtlich in die neue Erntesaison. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

„Viele sind überrascht, wie lecker unsere Tomaten sind. Das kriegen sie im eigenen Garten so nicht hin“, erzählt der Unternehmer Wichard Schrieks von Gesprächen während des Werkverkaufs. Der größte Teil des erwartungsgemäß 4500 Tonnen schweren Ertrags soll jedoch wieder an Supermärkte gehen. „An welche, das wird sich noch zeigen. Märkte rund um den Gardasee zeigen Interesse, doch am liebsten würden wir ja regional liefern.“ Dafür wurde auch extra ein Name kreiert: Die „Luthertomate“ heißt das beste Stück aus Wittenberg. Ob dieser Name dann auch tatsächlich am Etikett in der Gemüseabteilung stehen wird, kann Schrieks nicht beeinflussen: Auch die Vermarktung liegt in der Hand der Supermarktkette.

Großes Schild mit Schriftzug Wittenberger Gemüse GmbH (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Ein neues Aushängeschild für die Region: Die Wittenberg Gemüse GmbH. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Es ist ein Jahr her, dass man in Wittenberg damit begonnen hat, im ganz großen Stil Tomaten zu ernten. 2013 wurde der große Gebäudekomplex errichtet: Zwei große Gewächshäuser – die Pieter van Gog und die Wichard Schrieks Gemüse GmbH – sowie ein Logistikzentrum, die Wittenberg Gemüse GmbH. Hinter dem Unternehmen stehen drei niederländische Familien und alle drei arbeiten Hand in Hand. In den Gewächshäusern wird produziert, im Logistikzentrum aufbereitet, verpackt und gelagert. Zudem bezieht die Betriebsstätte vom benachbarten Chemiebetrieb SKW Piesteritz Kohlendioxid und Abwärme, die dort als Abfallprodukte anfallen. Das war auch der entscheidende Punkt, warum der Unternehmer Wichard Schrieks und seine Partner Wittenberg als Standort ausgewählt haben. Denn bei der Zucht von Tomaten braucht es sehr viel Wärme und Kohlendioxid. Ein zuverlässiger Lieferant direkt nebenan ist da ein wahrer Segen – und gut für die Umwelt. Zudem schreiben sich die Unternehmen auf die Fahnen, dass sie ohne künstliches Licht auskommen, die Bewässerung in einem geschlossenen Kreislauf erfolgt, die Pflanzen auf einem kompostierbaren Substrat wachsen und von Hummeln natürlich bestäubt werden.

Das Bild zeigt die Aussenansicht der Tomatengewächshäuser. Dicht an Dicht stehen die Gewächshäuser auf einer großen Fläche. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Die Tomatengewächshäuser sind insgesamt etwa 15 Hektar groß. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Die Unternehmer konnten sich über attraktive Fördermittel freuen. Je rund 430.000 Euro flossen für jedes Gewächshaus aus dem Agrarinvestitionsförderungsprogramm (AFP), davon kamen allein 320.000 Euro aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER). Die Gesamtkosten für den Bau jedes Gewächshauses betrugen jeweils 3,8 Millionen Euro. Das Logistikzentrum schlug mit insgesamt 3,9 Millionen Euro zu Buche. Hiervon wurden 40 Prozent über das Programm GRW (Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“) finanziert, das sich aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) speist. Allein 1,1 Millionen Euro kommen aus dem EFRE.

Das Bild zeigt Reihen mit Tomatenpflanzen, an denen sehr viele große rote Tomaten hängen. (Foto: Wittenberg Gemüse GmbH)
Ab April bis voraussichtlich November werden in Wittenberg mehrere Tausend Tonnen Tomaten geerntet. (Foto: Wittenberg Gemüse GmbH)

Aktuell wachsen im Gewächshaus fünf Sorten von Rispentomaten in unterschiedlichen Größen. „Wir probieren uns noch immer aus: Wie wachsen die Sorten gut? Wie optimieren wir die Organisation? Am wichtigsten ist, dass unsere Kunden zufrieden sind“, erklärt Wichard Schrieks. Produktionstechnisch sei das erste Jahr relativ gut gelaufen, doch den Verkauf habe die Russlandkrise sehr beeinträchtigt, denn deshalb seien die Preise zeitweise sehr stark eingebrochen. Aber die Unternehmer blicken zuversichtlich in die neue Saison. In den Hochzeiten werden wieder bis zu 130 Mitarbeiter beschäftigt.

„Einen so komplexen Standort, wo alles stimmt – Abwärme, sauberes Kohlendioxid, Flächengröße, sauberes Wasser und gute Infrastruktur – den gibt es kein zweites Mal in Deutschland“, ist sich der 49-Jährige sicher. Wenn sich die Tomaten aus Wittenberg fest am Markt etabliert haben, könnten sich die Unternehmer durchaus vorstellen, bis zu drei weitere Gewächshäuser zu errichten. Denkbar sei für die Zukunft auch der Anbau von Gurken oder Paprika. Dann würde auch die Zahl der Beschäftigten weiter steigen.

www.wittenberg-gemuese.de

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Der Klang der Weite

Birkholz bietet Raum für musikalische Bestleistungen – und das Entspannen danach

(von Bianca Kahl)

Carlotta und Martin von Gehren wohnen in einem alten Gutshaus in Birkholz in der Altmark. In ihrem Wohnzimmer stehen eine Harfe und ein Cello, in der Ferienwohnung im Erdgeschoss ein Flügel. Das Ehepaar hat ein großes Herz – insbesondere für Musiker und Musikerinnen. Carlotta von Gehren engagiert sich in einem Verein namens „Yehudi Menuhin Live Music Now“, der junge Künstler und Künstlerinnen und ihre Musik in Krankenhäuser, Altenheime und Gefängnisse bringt. Dorthin, wo Menschen leben, die keine Konzerte mehr besuchen können. „Musik heilt, Musik tröstet, Musik bringt Freude“, ist ein Zitat des bekannten Geigers und Humanisten Menuhin.

Eine Frau und ein Mann stehen in einer Bibliothek, vor Ihnen steht eine Harfe. Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt
Carlotta und Martin von Gehren haben ein großes Herz für Musiker – und bieten ein schönes Umfeld zum Üben. (Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt)

Doch Musik bringt nicht jederzeit und allen Menschen Freude, besonders wenn Ensembles die großen, berührenden Stücke immer und immer wieder gemeinsam üben müssen. „Das macht richtig Krach“, sagt Carlotta von Gehren. Sie kann ein Lied singen von Künstlern und Künstlerinnen, die nachts in der eiskalten Kirche proben, um möglichst niemanden zu stören. Besonders in belebten Großstädten haben Musiker und Musikerinnen häufig nur wenig Platz, sind sehr eingeschränkt oder einfach nur von anderen Dingen abgelenkt. Ihnen möchten von Gehrens Raum geben, um sich frei zu entfalten. „Am liebsten bitte das Fenster ganz weit aufmachen beim Proben!“, fordern sie ihre Gäste auf, die in der Ferienwohnung verweilen. „Und nutzen sie auch unseren schönen Park mit den alten Eichen! Dann sitzen wir auf dem Balkon und hören zum Beispiel Gitarrenklänge. Das ist so wunderschön.“ Außerdem schätzt das Paar den Austausch mit seinen Besucherinnen und Besuchern. Bei Bedarf lädt die Hausherrin auch schon mal zum gemeinsamen Abendbrot ein.

Aktuell haben von Gehrens viele Musiker und Musikerinnen zu Gast, die tagsüber mit Mohi Buschendorf arbeiten. Der Funktechniker und studierte Bassist hat sich keine zwei Kilometer entfernt mitten im Wald ein Tonstudio ausgebaut. „Aus ganz Deutschland kommen Musiker und Musikerinnen für ihre Aufnahmen in die Altmark – wegen diesem Mann“, sagt Martin von Gehren. „Weil er ein ausgezeichnetes Gehör hat und weil er dafür bekannt ist, dass er das Allerletzte aus Menschen herauskitzeln kann. Dann sitzen sie abends völlig fertig bei uns und sagen ,Der zwiebelt uns zu Höchstleistungen.‘“

Saniertes Gutshaus mit Hellgelber Fassade und rotem Dach. Den Eingang zieren Säulen. Darüber befindet sich ein Balkon. Um das Haus herum befinden sich Grasflächen. Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt
Die Fassade des Gutshauses in Birkholz wurde mit Hilfe von ELER-Mitteln saniert. Die Ferienwohnung befindet sich unten links. (Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt)

Dann verbringen die Gäste Stunden auf engem Raum im Waldhausstudio, probieren bis zur Erschöpfung. In der Ferienwohnung im Gutshaus können sie sich anschließend aus dem Weg gehen und entspannen, Zeit mit ihrer Familie verbringen. Oder weiter üben, wenn sie es denn wollen. „Wir können auch unsere Harfe nach unten tragen“, bietet Carlotta von Gehren an.

Von Gehrens haben 2008 ein ehemaliges Gutshaus der Familie von Bismarck gekauft und aufwendig saniert. „In diesem Gebäude war schon alles: ein Flüchtlingsheim, ein Postamt, ein Badehaus, eine Schule“, erzählt Martin von Gehren. Zuletzt sei es von der Gemeinde genutzt worden, doch seit diese ein neues Dorfgemeinschaftshaus gebaut hat, stand das historische Gutshaus leer und ihm drohte der Verfall. Vor vier Jahren dann ersteigerte es das Ehepaar aus dem Ruhrgebiet, machte Birkholz zu seinem neuen Zuhause – und sah von Anfang an das Potenzial der Region.

Ursprünglich wollten von Gehrens gemeinsam mit Freunden in das Gutshaus einziehen. Doch als diese abgesprungen sind, richteten sie im Erdgeschoss kurzerhand die luxuriöse Ferienwohnung ein: 155 Quadratmeter, mit sechs Betten, zwei Bädern, einer Küche – und einem Stutzflügel im Wohnbereich, direkt vorm antiken Kachelofen.

Bad mit Toilette, Dusche und Waschbecken. Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt
Auch für die Einrichtung eines zweiten Badezimmers gab es Unterstützung aus der EU. (Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt)

Für die Sanierungsarbeiten gab es Unterstützung aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds zur Entwicklung des ländlichen Raums (ELER): Für die Außenfassade, den Einbau des zweiten Badezimmers in der Ferienwohnung und die Anlage einer Terrasse flossen 16.000 Euro Zuschüsse, davon allein rund 13.000 Euro von der EU. Insgesamt kosteten diese Maßnahmen etwa 50.000 Euro.

Die Ferienwohnung bietet Raum für ganz neue Ideen in Birkholz. Dieses Jahr möchte das Ehepaar ein Aufenthaltsstipendium für Musiker und Musikerinnen etablieren, um die Region kulturell weiter zu beleben: Freies Wohnen und somit viel Platz und Zeit zum Proben. Am Ende „bezahlt“ man mit einem öffentlichen Konzert. Zudem gibt es eine Kooperation mit den „Altmarkfestspielen“: Eine Plattform für klassische Konzerte an ungewöhnlichen Orten.

Im Dezember fand im Foyer des Gutshauses bereits ein Adventskonzert mit rund 35 Zuhörern statt. „Viele von ihnen kamen aus dem Ort und sie waren ganz begeistert. So kommt man auch mal ins Gespräch“, sagt Martin von Gehren. Für die wärmeren Monate ist eine Veranstaltung im Park geplant. Deshalb möchte das Ehepaar die Anlage gern noch schöner gestalten. Es hofft auf weitere Fördergelder, um eine begrenzende Hecke anzulegen.

Mit Hilfe des ELERs möchten die beiden ihren Beitrag leisten, um die Region ein Stück attraktiver zu machen. Die Altmark sei zwar noch keine typische Touristengegend, doch das liege eher an der mangelnden Bekanntheit als an ihren Reizen, sind sich von Gehrens sicher. Sie selbst haben Birkholz als ihren Alterssitz gewählt, weil es so nahe an Berlin liegt. „Dort haben wir häufig zu tun. Wenn man in Tangerhütte den richtigen Zug auswählt, ist man in einer Stunde dort. Und wir lieben einfach den Kontrast zwischen dieser faszinierenden Metropole Berlin und der Ruhe und Ungestörtheit hier auf dem Land“, schwärmt Carlotta von Gehren.

Mann am Mischpult in einem Tonstudio. Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt
„Mohi“ Buschendorf bei der Arbeit am Mischpult in seinem Waldhausstudio in Birkholz. (Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt)

Im Januar kämen eher Jagdgäste zu ihnen ins Gutshaus. Ab März kündigten sich dann die ersten Kundinnen und Kunden von Mohi Buschendorf an. Und die werden immer zahlreicher. Als der Bassist sein Tonstudio Ende der 90er Jahre ausbaute, kamen zunächst nur Freunde zu „Mohi“, der eigentlich Klaus Ehrhard heißt. Sie wussten von seinen guten Konzertaufnahmen. Doch später fragten immer mehr Künstlerinnen und Künstler nach und der Musiker baute sein Waldhaus Stück für Stück weiter aus. Es gibt eine Küchenzeile, ein Badezimmer, drei Aufnahmeräume.

Mittlerweile sind in Birkholz über 100 CDs in den unterschiedlichsten Genres entstanden – von akustischen Gitarrenstücken über Tango, Jazz, Pop bis hin zu Salsa. Mohi Buschendorf hat sie an den Wänden zwischen den Fenstern angebracht. Allein vier Alben sind seit 2011 für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert worden. So auch die Indie-Folk-Platte „Immer Meer“ von „Titus Lang und der Groschencombo“ und die „Kleinstadtrhapsodien“ von der Stendaler Band „Nobody Knows“. Auf der CD „Panamericana“ von „Hands on Strings“ findet sich das Stück „House in the woods“ – eine spontane achtminütige Improvisation, inspiriert vom Birkholzer Umfeld.

www.gutshaus-birkholz.de
www.waldhausstudio.de
www.altmarkfestspiele.de

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Die Schlacht im Taubenturm

Nach 900 Jahren können Artefakte eines historisch bedeutenden Gefechts gezeigt werden

(von Bianca Kahl)

Der geschichtsträchtige Platz heißt „Lerchenfeld am Welfesholz“. Ein sehr romantisch klingender Name für eine Fläche, auf der ein blutiges Gemetzel stattfand und wo anschließend Ritter und Soldaten unbestattet zurückgelassen wurden, auf dass sie ewig verdammt sein sollten. Manche sagen, auf dem Lerchenfeld zwischen Gerbstedt und Hettstedt wurde einst der Weg Deutschlands hin zu Kleinstaaterei und Föderalismus eingeschlagen. Ein Jahrhunderte dauerndes Schicksal, mit Blut besiegelt. Denn hier wurde am 11. Februar 1115, vor genau 900 Jahren, Kaiser Heinrich V. empfindlich geschwächt – von einer Allianz sächsischer Fürsten.

Taubenturm von Welfesholz
Der Taubenturm von Welfesholz konnte dank Fördermittel erhalten werden. (Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt)

Edgard v. Stromberg schließt das Taubenhaus im kleinen Ort Welfesholz auf. Es dient heute als Museum. Seine Vorfahren nannten es noch „Brunnenhaus“. Bei der Sanierung im Jahr 2012 zeigte sich auch, warum. Denn nachdem man angebaute Schweineställe abgerissen, die Fassade instand gesetzt hat und sich nun dem Innenausbau widmete, legte man einen 26 Meter tiefen Brunnen frei. Rings herum hängen Fotos und Gegenstände aus der Geschichte des Ortes.

Welfesholz war einst ein Vorgehöft des Rittergutes Gerbstedt, im 19. Jahrhundert von Strombergs Vorfahren erworben. Die Familie wurde nach dem II. Weltkrieg enteignet, Edgard v. Stromberg kehrte erst nach dem Mauerfall wieder zurück. Heute ist der 81-Jährige der Ortsbürgermeister und Vorsitzender des Vereins „Schlacht im Welfesholz“. Für die Geschehnisse im Mittelalter kann er sich begeistern.

Edgard von Stromberg
Edgard von Stromberg freut sich, dass es nun einen Ort gibt, an dem die über Jahre gesammelten Artefakte rund um die große Schlacht im Welfesholz ausgestellt werden können. (Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt)

Vor 900 Jahren, zur Zeit der großen Schlacht, ist Welfesholz ein Wald in der Grafschaft Mansfeld gewesen. Der Kaiser sammelte seine Truppen unter dem Befehlshaber Graf Hoyer von Mansfeld in der Nähe von Sangerhausen – in der Königspfalz Wallhausen. Am 10. Februar zog das Heer zum 40 Kilometer entfernten Lerchenfeld und wurde dort von den sächsischen Fürsten und ihren Soldaten erwartet. Unter anderen hatten sich Lothar von Supplinburg, Wiprecht der III. von Groitzsch und Bischof Reinhard von Halberstadt verbündet. Sie kämpften gegen die Zentralisierung der Macht in der Hand des Kaisers.

Vitrine mit Waffen und Rüstungsgegenständen
Ausgrabungen: Zu sehen sind unter anderem Waffen und Rüstungsgegenstände, die auf dem einstigen Schlachtfeld gefunden worden sind. (Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt)

Wie groß die beiden Heere waren, weiß man nicht. Doch sie sollen gleich stark gewesen sein. Den Überlieferungen zufolge sollen sie bei dichtem Schneetreiben bereits am Abend des 10. Februar aneinander geraten sein. Die eigentliche Schlacht am Folgetag blieb lange unentschieden, doch bei einem Zweikampf zwischen Graf Hoyer von Mansfeld und dem sächsischen Adligen Wiprecht von Groitzsch fiel der kaiserliche Heerführer. Anschließend wurden die Truppen des Kaisers vernichtend geschlagen und Heinrich V. zog sich mit den wenigen Überlebenden fluchtartig zurück.

Vom entscheidenden Zweikampf der beiden Heerführer haben sich die Welfesholzer Bürgerinnen und Bürger eine Nachbildung am Straßenrand aufgestellt. Sie steht direkt vor der Kapelle des Gutshofes. „Bevor die historische Anlage verfällt, hat sich der Gemeinderat Mitte der 90er Jahre entschlossen, den Gutshof zu kaufen“, erzählt Edgard v. Stromberg. Mit Mitteln aus der Dorferneuerung wurden die Gebäude anschließend saniert. Die Freiwillige Feuerwehr zog ein und ein Veranstaltungssaal wurde eingerichtet. 2013 erhielt die Stadt Gerbstedt, wo Welfesholz mittlerweile eingemeindet ist, rund 28.000 Euro Fördermittel aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER). So konnte man für insgesamt 46.000 Euro schließlich den Innenausbau des Taubenturms in der Mitte des Hofs anpacken.

Schaukasten mit der Nachstellung der Schlacht zwischen kaiserlichen und sächsischen Truppen.
In einem großen Schaukasten ist die Schlacht zwischen kaiserlichen und sächsischen Truppen mit Zinnfiguren nachgestellt. Das Gefecht fand vor 900 Jahren statt und beeinflusst bis heute den Werdegang Deutschlands. (Foto: Landesministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt)

„Dann hatten wir endlich auch einen angemessenen Platz, um unsere über Jahre gesammelten Artefakte zur Schlacht im Welfesholz auszustellen“, freut sich Edgard v. Stromberg. Zu sehen sind heute Waffen und Ausrüstungsgegenstände, die auf dem ehemaligen Schlachtfeld ausgegraben wurden. Außerdem Abschriften von Berichten über die Schlacht aus den „Pegauer Analen“, den historischen Jahrbüchern eines Klosters in der Nähe von Leipzig, dazu eine nachgebildete Rüstung und ein großer Schaukasten, in dem das folgenschwere Gefecht mit kleinen Zinnfiguren in winterlicher Landschaft nachgestellt ist. So wird besonders für Schüler anschaulich, was sich einst auf dem nahegelegenen Schlachtfeld abgespielt hat. Nach der Besichtigung dort können sie im Taubenturm weitere Informationen erhalten. Auch für interessierte Tagestouristen schließt Edgard v. Stromberg den sanierten Turm gern auf.

Nach der Schlacht am Welfesholz zerstörten die Sachsen die Pfalzen Allstedt, Wallhausen, Tilleda und schließlich auch die Burg Kyffhausen. Der Kaiser verlor jeglichen Einfluss in Sachsen. Das Welfesholz war lange Zeit ein Wallfahrtsort und erinnerte an den Sieg der Sachsen.

Den Verein „Schlacht im Welfesholz“ gibt es seit 2005. Anlässlich des 900. Jahrestages veröffentlicht er eine Festschrift mit wissenschaftlichen Texten über die historische Bedeutung der Schlacht. Am 11. Februar 2015 haben die Mitglieder einen Gedenkstein auf dem Schlachtfeld feierlich eingeweiht.

www.schlacht-welfesholz.de

 

 

 

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Alle unter einem Dach

Durch ein neues Bürgerhaus hat Mosigkau wieder ein Dorfzentrum

(von Friedemann Kahl)

Wenige Meter entfernt vom bekannten Rokoko-Schloss Mosigkau steht die „Alte Schäferei“. Während sich im „kleinen Sanssouci“, wie das Schloss liebevoll genannt wird, alles um die Vergangenheit dreht, hat man in der „Alten Schäferei“ die Zukunft im Blick.
Dafür gibt es sogar einen eigenen Verein: den Verein zur Förderung der Dorfentwicklung Mosigkau e.V. „Mosigkau fehlte ein Ortszentrum. Ein Treffpunkt, wo die Menschen zusammenkommen und Vereine, Institutionen und Privatpersonen unterschiedlichste Aktivitäten durchführen können“,  erzählt Siegfried Büttner, der im Vorstand des Vereins mitarbeitet. Die Situation verschärfte sich, als die Grundschule im Ort schloss, deren Räumlichkeiten auch verschiedene Interessensgruppen nutzten. „Wir brauchten eine Lösung. Allen war klar, dass etwas passieren muss, um unsere dörfliche Gemeinschaft zu festigen und die Lebensqualität im Ort zu steigern“, so Siegfried Büttner. In dieser Lage rückte ein Projekt in den Mittelpunkt der Überlegungen, das bereits 2007 in das Konzept der LEADER-Aktionsgruppe als „Dorfzentrum am Schloss Mosigkau“ aufgenommen wurde. Das Projekt sah unter anderem vor, die „Alte Schäferei“ in ein Bürgerhaus umzubauen. Und so geschah es – 2013 begannen die Bauarbeiten. 

Aussenansicht Bürgerhaus: Zweistöckiges Gebäude mit Türmchen und rotem Dach.
Die „Alte Schäferei“ aus dem Jahr 1747 ist heute ein modernes Bürgerhaus. (Foto: Friedemann Kahl)

Das Gebäude, 1747 als Schlossschäferei errichtet, diente früher sogar als Rathaus von Mosigkau und beherbergte die vergangenen Jahrzehnte einen Kindergarten.
„Als wir mit dem Ausbau begannen, wussten wir nicht, auf was wir uns einlassen. Sich durch das Dickicht an Fördermittelanträgen und Ausschreibungen zu kämpfen, war Neuland für uns. Aber es funktionierte alles erstaunlich gut“, erinnert sich Vorstandsmitglied Büttner. In der ersten Bauphase wurden zunächst das Dach und die Fassade erneuert sowie das Erdgeschoss ausgebaut. Von den rund 315.000 Euro, die bisher in die Sanierung der „Alten Schäferei“ investiert wurden, stammen gut 150.000 Euro aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER). Dieser Fond unterstützt in Sachsen-Anhalt unter anderen mit dem Förderprogramm Dorferneuerung und -entwicklung investive Projekte, die durch eine aktive Innenentwicklung die Dörfer lebenswert erhalten. Gerade durch die Nutzung leerstehender Gebäude in den Ortskernen für Projekte der Daseinsvorsorge, wie hier in Mosigkau, wird nicht nur Erhaltenswertes erhalten und das Ortsbild verbessert sondern auch die Vitalität des Ortskernes wesentlich verbessert.

Seitenansicht Bürgerhaus, rechts daneben das im Bau befindliche Nebengebäude.
Im Nebengebäude des Bürgerhauses entstehen Toiletten für Veranstaltungen im Freien (Foto: Friedemann Kahl)

Nicht nur die Vereinsmitglieder, sondern auch viele Mosigkauer haben die Bauarbeiten für „ihr“ Bürgerhaus nach Kräften unterstützt. Über 5.600 Arbeitsstunden in Eigenleistung brachten die Bürger in die neue „Alte Schäferei“ ein. Der älteste freiwillige Helfer war 84 Jahre alt. Auch Siegfried Büttner, der eigentlich als Versicherungskaufmann arbeitet, ist beruflich etwas kürzer getreten, um sich stärker dem Bürgerhaus zu widmen. „Es ist auch eine gewisse Pflicht, die auf einem lastet. Wenn so viel Geld investiert wird, möchte ich am Ende auch, dass es rund läuft“, sagt der 62-Jährige.

Das neue Bürgerhaus ist so konzipiert, dass sich auf der relativ kleinen Fläche möglichst viele Nutzungsmöglichkeiten bieten. Neben der Küche, den barrierefreien Toiletten und dem Vereinsbüro sowie den Räumlichkeiten für den Ortschaftsrat, ist deshalb der Mehrzweckraum das Herzstück des Bürgerhauses. Hier ist Platz für Chorproben, Vereinssitzungen, Kreativzirkel, Kulturveranstaltungen oder Familienfeiern. Mit Tischen und Stühlen bestückt,  fasst der Raum 50 Leute. Im Dachgeschoss, das 2015 fertig ausgebaut wird, soll ein Raum für die Jugendlichen im Dorf entstehen. „Uns ist wichtig, dass das Bürgerhaus von Jung und Alt genutzt wird“, unterstreicht Siegfried Büttner.

Vorstandsmitglied Siegfried Büttner sitzt am Schreibtisch, vor ihm liegen Unterlagen und Ordner, hinter ihm an der Wand hängt ein Bild mit dem Wappen Mosigkaus.
Vorstandsmitglied Siegfried Büttner am Schreibtisch im Vereinsbüro des Bürgerhauses. (Foto: Friedemann Kahl)

Um eine mangelnde Nutzung muss sich der Trägerverein momentan keine Sorgen machen. Im Gegenteil, es erfordert einiges an Organisationsgeschick, um alle Interessenten unterzubringen und Termine nicht doppelt zu vergeben. Die laufenden Unterhaltskosten werden mit Nutzungsentgelten, Mitgliedsbeiträgen und Spenden abgedeckt. Der Verein organisiert deshalb auch Veranstaltungen wie das „Frühjahrssingen“, Floh- und Büchermärkte sowie Vortragsreihen. „Wir müssen weiter kreativ bleiben und die Dinge in die Hand nehmen. Dann wachsen wir auch als Dorfgemeinschaft stärker zusammen. Und aus einem einst strukturellen Defizit wird eine Erfolgsgeschichte“, hofft Siegfried Büttner. Die Dorfgemeinschaft von Mosigkau hat sich in beeindruckender Weise etwas Gemeinsames geschaffen und gemeinsam ein Stück Identität bewahrt.

Der ELER trägt in Sachsen-Anhalt mit rund 904 Millionen Euro EU-Mittel - ein Viertel der gesamten dem Land von der EU zugewiesenen Fördergelder - dafür Sorge, dass die Entwicklung des ländlichen Raums sich als integraler Bestandteil der Gesamtpolitik für Beschäftigung und Wachstum vollzieht. Zusammen mit der nationalen Kofinanzierung stehen öffentliche Ausgaben in Höhe von 1,16 Milliarden Euro bereit. Zusätzlich will Sachsen-Anhalt 240 Millionen Euro aus dem Landeshaushalt beisteuern, so dass das Land rund 1,326 Milliarden Euro für die Entwicklung des ländlichen Raums einsetzen kann.

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Die Familienfreunde

Das neue Kinder-Eltern-Zentrum „An der Modderkuhl“ in Uchtspringe als Dienstleister und Ort der Begegnung

(von Bianca Kahl)

„Bei uns im Wald entspringt die Uchte. Da wird man schon mal nass beim Spielen“, sagt Katrin Burchert mit einem verschmitzten Lächeln. Deshalb brauchen alle kleinen Abenteurer im Kinder-Eltern-Zentrum „An der Modderkuhl“, ganz dem Namen entsprechend,  eine Garnitur Matsch- und Modderkleidung in der Garderobe. „Modderkuhl“ entspricht auch dem historischen Namen der Siedlung und spielt auf das Quellgebiet der Uchte an, genau wie der heutige Ortsname: Uchtspringe.

„So, wie wir in den Wald gehen, kommen wir nicht wieder raus, das ist klar“, scherzt Katrin Burchert, die Leiterin der beliebten Kindertagesstätte unter Trägerschaft der SALUS gGmbH Fachklinikum Uchtspringe. Und der Wald ruft häufig: mindestens jeden Freitag. Insgesamt nutzt man die schöne Natur in der Umgebung voll aus. Das Profil der Einrichtung geht weg von Spielsachen in den Räumen hin zu mehr Freiheit, Neugier, Experimentierfreude und Eigeninitiative.

Katrin Burchert spielt mit einem Jungen auf der Dachterrasse.
Katrin Burchert, die Leiterin des Kinder-Eltern-Zentrums „An der Modderkuhl“, spielt mit einem Jungen auf der Dachterrasse, während die anderen Kinder schlafen. (Foto: Bianca Kahl)

Die Kinder spielen viel draußen, können eine große Freifläche mit zwei Kaninchen genießen, aber sind auch häufig unterwegs. Zu Besuch bei der örtlichen Feuerwehr, Handwerkern, dem Sportverein oder der Gärtnerei, zum Backen und Singen im Altenpflegeheim, beim Kinder-Eltern-Turnen oder mit zwei Kleinbussen gemeinsam mit Familie zum Ausflug ins Schwimmbad oder in den Tierpark. „Das wird gut angenommen und uns würde auch noch mehr einfallen. Doch die meisten Eltern freuen sich nach der Arbeit natürlich einfach nur auf ihren wohl verdienten Feierabend im Kreis der Familie“, sagt Katrin Burchert.

Viele der Angebote gab es schon früher, bevor die Einrichtung 2012 offiziell Kinder-Eltern-Zentrum hieß. Das freie Spiel, das Spielen im Freien wie auch das Netzwerken gehören zum Konzept der 50 Kinder-Eltern-Zentren (KEZ) in Sachsen-Anhalt. Sie entwickelten sich seit 2007 im Rahmen eines Förderprogrammes des Landes aus bestehenden Kindertagesstätten. Das ließ sich das Ministerium für Arbeit und Soziales insgesamt 750.000 Euro kosten. Die Idee dahinter: Die Einrichtungen sollen eine Art Netzwerk sein, ein Ort der Begegnung für Jung und Alt, mit Angeboten der Familienbildung und auch -beratung. Mit Aufenthaltsorten für die Eltern in der Kita und Kursangeboten zum Thema Gesundheit oder Erziehung. Dafür wurden die pädagogischen Fachkräfte geschult, Anregungen gegeben und die Räume umgestaltet.

Saniertes Gebäude: Zwei Etagen, helle Fassade, hellgrüne Fensterläden.
Die Räume der Kindertagesstätte wurden neu gestaltet. Auch neue, schöne Möbel wurden im Rahmen der Umbaumaßnahmen angeschafft. (Foto: Landesverwaltungsamt)

In Uchtspringe dachte man noch weiter: Hier ließ die SALUS gGmbH zugleich die komplette historische Villa umbauen und sanieren. Die Kosten beliefen sich auf insgesamt 1,4 Millionen Euro. Davon kamen wiederum rund 800.000 Euro aus öffentlichen Fördertöpfen, allein 475.000 Euro aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER).

Katrin Burchert führt durch das schicke, helle Gebäude, in dem die Kinder jetzt viel mehr Platz haben. Vier Zimmer wurden angebaut, die Aufteilung der Räume verändert. Ein Fahrstuhl macht das Haus behindertengerecht, im Treppenhaus gibt es zwei Holzgeländer: eins für die Großen und eins für die Kleinen. Sogar in der Küche wurde eine zusätzliche niedrige Arbeitsplatte eingefügt, sodass die Kinder mithelfen können. Die Bäder sind nicht nur bequem und geräumig, sondern überzeugen auch mit freundlichen Farben.

Sabine Tuchen räumt in der Küche die Spülmaschine aus
Die Spielsachen im neuen Mehrzweckraum haben Pause: Die Kinder schlafen. (Foto: Landesverwaltungsamt)

Nach dem Umbau kann die Einrichtung 53 Kinder aufnehmen, 16 mehr als zuvor, und bietet einen Hort an. Die meisten Eltern arbeiten im Fachklinikum Uchtspringe, doch es werden auch Kinder aus der Region aufgenommen. Viele Familien melden sich schon, wenn sich der Nachwuchs gerade erst ankündigt. Der Ruf ist gut, die Anlage schön. Alle paar Wochen kommt ein Friseur ins Haus und schneidet den Kindern die Haare. „Aber eine gute Kita macht das nicht aus“, findet Burchert. Da gehe es eher um den Umgang mit den Kindern, mit den Eltern und auch der pädagogischen Fachkräfte untereinander.

Die lassen sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht von den längeren Öffnungszeiten, die bei Bedarf genutzt werden können: Wer möchte, kann sein Kind bereits 5.30 Uhr abgeben oder spätestens 20.30 Uhr bettfertig abholen, also verköstigt, gewaschen, mit geputzten Zähnen und in bequemer Kleidung. Etwas, das vor allen die Schichtarbeiter vom Fachklinikum immer wieder nutzen, doch es bedeutet auch für die Betreuerinnen Schichtarbeit. Die nehmen es gelassen und gestalten ihren Dienstplan flexibel. So fällt der gelegentliche späte Feierabend auch im eigenen Privatleben nicht so sehr ins Gewicht.

Gerade kann das achtköpfige Team der pädagogischen Fachkräfte ein wenig verschnaufen, denn die Kinder haben Mittagsruhe. Die pädagogische Hilfskraft Sabine Tuchen räumt derweil in der Küche die Spülmaschine aus. Oben, im neuen großen Mehrzweckraum im ausgebauten Dachgeschoss, bleiben die bunten Riesenbausteine aus Schaumstoff unangerührt. Die Vorschulkinder scheinen aus dem Stand umgefallen und auf ihren Matten eingeschlafen zu sein. „Sie sagen immer, sie seien groß und wollen nicht mehr schlafen“, schmunzelt Katrin Burchert. Und dann gibt es doch so viel zu erleben und der Körper fordert die Erholung ein. Ein Junge bleibt dennoch wach. Die Leiterin setzt sich mit ihm auf die Dachterrasse in die Sonne und sie spielen mit seinen Legobausteinen.

Der ELER trägt in Sachsen-Anhalt mit rund 904 Millionen Euro EU-Mittel - ein Viertel der gesamten dem Land von der EU zugewiesenen Fördergelder - dafür Sorge, dass die Entwicklung des ländlichen Raums sich als integraler Bestandteil der Gesamtpolitik für Beschäftigung und Wachstum vollzieht. Zusammen mit der nationalen Kofinanzierung stehen öffentliche Ausgaben in Höhe von 1,16 Milliarden Euro bereit. Zusätzlich will Sachsen-Anhalt 240 Millionen Euro aus dem Landeshaushalt beisteuern, so dass das Land rund 1,326 Milliarden Euro für die Entwicklung des ländlichen Raums einsetzen kann.

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Vorbei die Zeit der Entschuldigungen

In der Ökostation Neugattersleben soll eine Region zusammenwachsen

(von Bianca Kahl)

Dr. Andrea Finck geht ins Gewächshaus und gießt den Honigmelonensalbei. Braune,  gestreifte oder Litschi-Tomaten, violette Kartoffeln – damit kann man die 58-jährige schon lange nicht mehr überraschen, doch nach wie vor begeistern. Die Naturwissenschaftlerin lebt für ihre Arbeit. Ihr geht es um Liebe und Verantwortung. Für die Natur, für die Menschen, für eine ganze Region. Seit 1998 leitet sie die Ökostation Neugattersleben.

100 verschiedene Tomatensorten und eine ebenso große Auswahl an Küchenkräutern werden in dem kleinen Ort bei Bernburg angebaut. „So nahe wie jetzt bin ich meinen Pflanzen auch noch nicht gekommen“, scherzt Andrea Finck und spielt darauf an, dass ihr Platz normalerweise im Büro der Anlage ist. Doch gerade fehlt es ihr einfach an einer ausreichenden Zahl an Helfern und deshalb muss sie selbst zu Gießkanne und Harke greifen. Die Natur wartet nicht.

Dr. Andrea Finck steht im Gewächshaus zwischen Kräutern und Geranien.
Die Leiterin der Ökostation Dr. Andrea Finck im Gewächshaus zwischen Kräutern und Geranien. (Foto: Bianca Kahl)

Für den Wert und die Bedürfnisse der Natur zu sensibilisieren, das ist die Aufgabe der Ökostation Neugattersleben. Hier hat man sich seit der Gründung 1992 die Umweltbildung auf die Fahnen geschrieben, egal, ob in Form von Freizeitgestaltung für Kindergarten- und Hortkinder, Forschungspraktika und Projekttage für ältere Schüler oder Programme für Erwachsenengruppen und auch Behinderte. Jedes Jahr fest auf dem Plan stehen der Tag der offenen Tür und der Tomatentag im Sommer, der Kartoffeltag im Herbst und mehrere Exkursionen in Naturschutzgebiete, um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen.

Andrea Finck wirft noch schnell im Vorbeigehen einen prüfenden Blick auf die Geranien und den frisch gepflanzten Zahnlavendel, kann es sich nicht verkneifen, bei den Gewürzen ein Unkraut aus der Erde zu ziehen und geht dann nach drinnen in die Seminarräume. Heute sind Schüler der 9. Klasse aus Köthen zu Gast. Sie entnehmen Proben aus Gewässern und aus dem Boden im nahen Auenwald, um sie anschließend in der Ökostation zu untersuchen. Die Leiterin schließt eine Trennwand im Seminarraum, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen, verteilt Glasröhrchen, Chemikalien und Teststreifen und hilft den Jugendlichen beim Jonglieren mit den Werten: PH-, Nitrit- und Nitratwerte werden bestimmt. Kurzzeitwecker klingeln, die Schüler lernen, wann Böden und Gewässer Lebensräume sind und wann sie giftig werden. Sie notieren alles gewissenhaft in ihre Hefter und gehen anschließend zur Spüle, um ihre Arbeitsmaterialien zu reinigen.

Gewächshaus von Innen. Im Mittelgang stehen eine Schubkarre und zwei Gießkannen. Links und Rechts stehen Pflanzen
Das Gewächshaus der Einrichtung. Hier werden allein 100 Tomatensorten gezüchtet. (Foto: Bianca Kahl)

Die alte Schulungsbaracke aus den 70er Jahren wurde erst im vergangenen Jahr umgebaut. Nasse Decken und Außenwände wie auch Schimmel hatten das Gebäude nicht mehr tragbar gemacht. Nachdem die Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis Bernburg die Ökostation 2012 vom vorherigen Träger übernommen hat, machte man sich an die Sanierung, die insgesamt rund 450.000 Euro kostete. Davon kamen mehr als 200.000 Euro aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER).

„Ohne dieses Geld wäre das nicht möglich gewesen“, kommentiert Andrea Finck, die sich selbst seit Jahren in der lokalen Aktionsgruppe für EU-Fördermittel, der sogenannten „LAG Unteres Saaletal und Petersberg“, engagiert. Sie weiß um die Bedeutung von Einrichtungen wie der Ökostation, damit sich ihre Heimatregion nachhaltig entwickeln kann, und arbeitet darauf hin, dass sich die Anlage stetig weiterentwickelt – als Ort der Begegnung und des Lernens.

Vorderansicht des Schulungsgebäudes. Gebaut im Bungalowstil mit Holzverkleidung. Große Fenster, zum Eingang führen eine Treppe und eine Rollstuhlfaherrampe.
Das Schulungsgebäude wurde mit Hilfe von EU-Mitteln umgebaut und saniert und bietet jetzt ganz neue Möglichkeiten. (Foto: Bianca Kahl)

„Seit dem Umbau können wir uns endlich auch den Behinderten stärker zuwenden“, freut sie sich. Das habe schon lange auf der Agenda gestanden, doch musste sich Andrea Finck bei Interessenten stets entschuldigen: Für Treppen, Schwellen und die fehlende Behindertentoilette. Doch nun ist die Zeit der Entschuldigungen endlich vorbei. Das barrierefreie Gebäude verfügt neben ihrem Büro und den modernen Toiletten über drei Schulungsräume sowie eine extragroße Küche, in der ebenfalls Seminare abgehalten werden können.

„Und im Sommer machen wir hier mit den Leuten eben schönen Tomatensalat mit Kräutern aus dem Garten. Da braucht man nicht mal mehr Salz“, sagt die Leiterin. Neben Naturschutz und gesunder Ernährung stehen auch heilende Gehölze, nachwachsende Rohstoffe und vieles mehr auf dem „Lehrplan“ der Ökostation. Dabei kooperiert die Einrichtung auch mit Universitäten sowie mit der Robert-Bosch-Stiftung und ist Teil von „Na Los!“, des Netzwerkes außerschulischer Lernorte - Schülerlabore Sachsen-Anhalt. Zudem können Interessierte die Anlage für eigene Veranstaltungen mieten.

Die Köthener Schüler sind gegangen, doch Andrea Fincks Tag ist noch lange nicht zu Ende. Sie beantwortet E-Mails, vereinbart am Telefon Ferientermine mit einem Hort, draußen wartet eine weitere Gruppe von Jugendlichen auf ihre Anleitung. Dieses Mal geht es nicht um außerschulische Projekte, sondern um Integration. Es sind junge Männer und Frauen, die größtenteils ihre Ausbildung abgebrochen haben und seit langem keine Anstellung mehr finden. Über ein Förderprogramm der Stiftung Evangelische Jugendhilfe  St. Johannis werden sie wieder fit gemacht für den Arbeitsmarkt. In der Ökostation jäten sie Unkraut, legen Wege an und gewöhnen sich langsam wieder an einen Berufsalltag.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren schon immer der zweite Schwerpunkt der Ökostation Neugattersleben. In Hochzeiten wurden hier 30 Ein-Euro-Jobber beschäftigt. Aktuell wächst die Einrichtung mit ihrem neuen Träger zusammen und die sozialen Projekte kommen langsam wieder ins Rollen.

Den zweiten Arbeitsmarkt kennt Andrea Finck aus eigener Erfahrung. Sie hatte Agrarwissenschaften in Halle studiert, doch nach der Wende verlor sie wie viele andere ihre Arbeit beim Institut für Getreideforschung und fand keine neue Stelle. Das Arbeitsamt vermittelte sie 1993 als Hilfskraft in die Ökostation. Später wurde sie fest angestellt und seit 1998 leitet sie die Einrichtung. Seit 20 Jahren ist sie dabei. Doch für heute hat sie endlich Feierabend.

http://www.oekostation-neugattersleben.de/
www.leader-saale-petersberg.de

Der ELER trägt in Sachsen-Anhalt mit rund 904 Millionen Euro EU-Mittel - ein Viertel der gesamten dem Land von der EU zugewiesenen Fördergelder - dafür Sorge, dass die Entwicklung des ländlichen Raums sich als integraler Bestandteil der Gesamtpolitik für Beschäftigung und Wachstum vollzieht. Zusammen mit der nationalen Kofinanzierung stehen öffentliche Ausgaben in Höhe von 1,16 Milliarden Euro bereit. Zusätzlich will Sachsen-Anhalt 240 Millionen Euro aus dem Landeshaushalt beisteuern, so dass das Land rund 1,326 Milliarden Euro für die Entwicklung des ländlichen Raums einsetzen kann.

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