Die Überflieger

Zwei Brüder machen den Harz zum großen Abenteuerspielplatz

- Bianca Kahl -

Auf den ersten Blick könnte man Maik Berke für waghalsig halten. Wer kommt schon auf die Idee, im Harz die längste Doppelseilrutsche Europas zu installieren, an der sich jeden Tag Adrenalindurstige festbinden und mit 90 Kilometern pro Stunde über die Rappbodetalsperre schwingen? Doch der Unternehmer hat Erfolg. Seine Ideen treffen buchstäblich den Nerv der Zeit, über alle Generationen hinweg. Die bisher älteste Kundin an der sogenannten Megazipline ist 87 Jahre alt, der jüngste Gast gerade einmal zehn. Sie alle wollen einen kurzen Moment lang den Boden unter ihren Füßen verlieren. Und wer Maik Berke zuhört, muss feststellen, dass er ganz genau weiß, was er tut. Im Grunde ist der 36-Jährige sogar ziemlich bodenständig.

Ursprünglich arbeitete der Unternehmer aus Elbingerode als Dachdeckermeister. Gemeinsam mit seinem Bruder Stefan, einem Tischlermeister, war er häufig auf Montage. Doch ständig zwischen Rügen und München unterwegs zu sein, sagte den beiden Brüdern gar nicht zu. „Wir wollten zurück in den Harz, näher an unsere Familien heran“, erinnert sich Maik Berke. „Aber in unserem eigenen Gewerbe hätten wir uns nur mithilfe von sehr niedrigen Preisen auf dem regionalen Markt etablieren können – und das wollten wir nicht.“

 

 

Eine Person "fliegt" am Drahtseil befestigt über den Stausee.
Eine Minute Überflieger sein: Die Megazipline, Europas größte Doppelseilrutsche, haben Maik und Stefan Berke an der Rappbodetalsperre installiert. (Bildquelle: Harzdrenalin/Blende2)

Also machten die beiden eine Marktrecherche und kamen zu dem Schluss, dass der Tourismus sehr gut als Arbeitsfeld geeignet wäre. „Hier ist der Harz stark.“ Die zündende Idee, Extremsporterlebnisse anzubieten, kam den Brüdern dann im Jahr 2009. Zwar würde sich Maik Berke selbst nicht gerade als adrenalinsüchtig bezeichnen. Immerhin auf einen Fallschirmsprung aus dem Flugzeug und auf ein Mal Bungee-Jumping konnte er damals bereits zurückblicken. „Und ich bin ein großer Fan von Neuseeland. Es ist bekannt für seinen Abenteuertourismus – und zwar im Einklang mit dem Schutz dieser wunderschönen Natur.“ Das könnte auch im Harz funktionieren, dachten sich die Gebrüder Berke und tüftelten zwei Jahre lang nebenher zu ihrer regulären Arbeitswoche an einem Konzept.

Im März 2011 hingen sie dann ihr Handwerk sprichwörtlich an den Nagel und gründeten das Unternehmen „Harzdrenalin“. Doch zunächst ließen sie es relativ langsam angehen, nämlich mit maximal 20 Kilometern pro Stunde. Denn Berkes starteten vorerst nur mit geführten Segwaytouren. Seither können Touristinnen und Touristen mit den kultigen Kraftfahrzeugen auf zwei Rädern auf den Brocken oder auch durch die Wernigeröder Innenstadt rollen. Weil die Erfahrung zeigt, dass die Leute eher fahren wollen als zu stehen und zuzuhören, wird unterwegs auch nicht mehr viel geredet. Stattdessen gibt es einen kleinen Höhepunkt zwischendurch, wie zum Beispiel eine Pause mit deftiger Erbsensuppe oder auch ein Besuch in der bekannten Bärenhöhle.

Sechs Personen, die auf Segways einen Wanderweg entlangfahren.
Mit dem Segway auf den Brocken. So startete das Unternehmen Harzdrenalin durch. Starthilfe gab es auch aus dem EFRE. (Bildquelle: Harzdrenalin/Blende2)

„Es war von Anfang an so geplant, mit den Segways zu beginnen, um alles Stück für Stück aufzubauen“, sagt Maik Berke. Im Hintergrund liefen bereits die Vorbereitungen an der Rappbodetalsperre. „Den richtigen Ort zu finden, war am schwersten“, erinnert sich der Unternehmer. „Doch die Talsperre ist einfach ideal geeignet. Dort gab es bereits Parkplätze, Toiletten und einen Imbiss. Viel Unterstützung haben wir auch aus den umliegenden Gemeinden bekommen.“

Nach und nach stellten die Brüder ein Finanzierungskonzept auf die Beine. Für derartig ungewöhnliche Projekte müsse bei den Banken erst ein gewisses Verständnis aufgebaut werden. Insgesamt 750.000 Euro wurden gebraucht und allein mit den Rücklagen aus ihrer Zeit als Handwerkermeister konnten das die Brüder nicht bestreiten. Schließlich überzeugten sie gleich drei Banken. Starthilfe gab es auch von der Investitionsbank Sachsen-Anhalt. Sie förderte Harzdrenalin mit 130.000 Euro aus dem Mittelstands- und Gründerdarlehen Sachsen-Anhalt IMPULS sowie mit weiteren 180.000 Euro Zuschuss aus dem Fördertopf „Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW). Beide Förderungen werden gespeist aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

Eine Person läuft, mit Seilen gesichert, die Staumauer hinunter. Von oben beobachten fünf Personen das Geschehen.
Auch „Wallrunning“ bietet das Unternehmen Harzdrenalin an. (Bildquelle: Harzdrenalin/Blende2)

„Einfach hochkommen und fliegen“, heißt es nun an der Rappbodetalsperre. Ein Flug an der 1000 Meter langen Megazipline dauert gerade mal eine Minute und sorgt für jede Menge Adrenalin. Die Überflieger von Harzdrenalin sind mittlerweile drei Jahre am Markt, sehen sich als gesundes Unternehmen und beschäftigen in der Hauptsaison rund ein Dutzend Arbeitskräfte.

Neben den Segwaytouren und den Flügen an der Doppelseilrutsche bietet Harzdrenalin auch das sogenannte Wallrunning an: Inspiriert von den beliebten Läufen an den Wänden von Hochhäusern, können Abenteuerlustige an der Mauer des Stausees Wendefurth 43 Meter in die Tiefe rennen. Halsbrecherisch? Mitnichten. Die Läuferinnen und Läufer sind gut gesichert, alles ist genau durchdacht. Genau wie das Gesamtvorhaben „Harzdrenalin“. Das Unternehmen ist alles andere als auf dem Abwärtstrend. „Wir haben noch etwas anderes in petto, aber das verrate ich noch nicht“, freut sich Maik Berke.

Im Herbst 2014 ging Harzdrenalin aus dem Unternehmenswettbewerb der KfW Bankengruppe als Landessieger für Sachsen-Anhalt hervor und konnte als GründerChampion 1000 Euro Preisgeld einstreichen. „Sie haben ihre Vision Wirklichkeit werden lassen“, gratulierte Manfred Maas, der Chef der Investitionsbank, und ist froh, dass er den beiden Überfliegern Starthilfe geben konnte.

„Man muss alles auf eine Karte setzen und darf nicht halbherzig arbeiten“, formuliert Maik Berke seine Philosophie, die letztlich zum Erfolg führte. Für ihn ist vor allen Dingen wichtig, dass er wieder in Elbingerode wohnen kann, bei seiner Familie. Wenn die Brüder auch nicht waghalsig sind – mutig sind sie allemal.