Wie Biochemie zu den Menschen kommt

In der BioSolutions Halle GmbH forscht man nach dem Wert von neuen Ideen

- Bianca Kahl -

„Seid mutig und gründet eine Firma! – Das können wir den jungen Leuten an der Uni doch nicht erzählen, wenn wir selbst keine Ahnung haben, wie man als Unternehmen besteht.“ Das findet zumindest Prof. Dr. Reinhard Paschke, der an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg unterrichtet. Gemeinsam mit anderen hatte er 1998 die Idee, die BioSolutions Halle GmbH zu gründen. Das Aninstitut verfolgt seither interessante neue Ansätze aus der Universität in den Bereichen Mikrobiologie und Chemie und arbeitet daran, sie wirtschaftlich rentabel zu machen.

Das Bild zeigt Prof. Dr. Reinhard Paschke in einem Labor, in beiden Händen hält er jeweils ein Glas. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Prof. Dr. Reinhard Paschke zeigt in zwei Gläsern Betulinsäure und die Borke von Platanenbäumen, aus der sie gewonnen wird. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Die bisherige Erkenntnis: Es lohnt sich zum Beispiel, molekulare Diagnoseverfahren als Dienstleistung anzubieten. Unter anderem bestimmt die BioSolutions für Zahnärztinnen und Zahnärzte in ganz Deutschland die jeweiligen Keime einer Zahnfleischentzündung, sodass die richtige Behandlung gefunden werden kann. Für Wasserwerke beurteilt das Team die Qualität des Trinkwassers. Zudem können besorgte Menschen, die von einer Zecke gestochen worden sind, das Tier einschicken, um sicher zu gehen, dass sie sich nicht mit Borreliose oder anderem infiziert haben.

Reinhard Paschke zeigt eines der Flugblätter, auf die die Zecke aufgeklebt werden kann. Derweil heulen im Labor nebenan mehrere Mixer auf. Der Wissenschaftler schmunzelt. „Das ist meine Kollegin, die gerade Buchenblätter zerkleinert“, erklärt er. Sie will eine Substanz entwickeln, die alte Filmrollen vor dem Verfall schützt. Denn die Negative von wichtigen historischen Aufnahmen drohen, Stück für Stück von Bakterien zerfressen zu werden.

Das Bild zeigt Jutta Kalbiltz in einem Labor. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Die Chemikerin Jutta Kalbitz arbeitet in der BioSolutions Halle GmbH an der Entwicklung eines Schutzfilms für alte Fotofilmrollen. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

Die BioSolutions Halle sitzt mit im Biozentrum auf dem Weinberg Campus. Ein Gebäude, das die Naturwissenschaftliche Fakultät und Biotech-Firmen buchstäblich unter ein Dach bringt. Gemeinsam genutzte Forschungsflächen, Labore und Büroräume Tür an Tür erleichtern die Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Reinhard Paschke leitet die Geschäftsstelle des Biozentrums. Die nachbarschaftliche Zusammenarbeit empfindet er als sehr befruchtend. Davon konnte auch die BioSolutions Halle schon mehrfach profitieren, die aktuell fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.

„Wir sind ja nicht einer dieser typischen Durchstarter, die am Anfang ihrer Gründung eine zündende Idee hatten“, sagt Reinhard Paschke. Es gehe eher darum, an verschiedenen neuen Ansätzen weiter zu forschen und auch viel herumzuprobieren. „Doch in so einem  kleinen Unternehmen kann man das nicht ohne Fördermittel stemmen“. Er ist froh, dass sein Team unter anderem mehrfach von Mitteln aus den Europäischen Strukturfonds profitieren konnte. Mit Hilfe des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) beispielsweise wurden gleich mehrere Forschungsprojekte finanziert. Dieser Fonds unterstützt explizit kleine und mittelständische Unternehmen, weil diese in Sachsen-Anhalt sehr häufig vertreten sind. Viele von ihnen haben innovative Ideen und auch gute Aussichten, aber einfach nicht die Mittel, um Neuland zu betreten.

Das Bild zeigt ein Gebäude, auf einem Schild vor dem Gebäude steht BIO Zentrum HALLE. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)
Am Biozentrum Halle treffen sich nicht nur Wissenschaftler aus unterschiedlichen Bereichen. Hier sitzen auch Biotech-Unternehmen mit direktem Kontakt zu den neuesten Erkenntnissen an der Universität. (Foto: Ministerium der Finanzen LSA)

In der BioSolutions Halle flossen allein 295.000 Euro aus dem EFRE, um Forschungsarbeiten rund um eine verbreitete Krebstherapie zu betreiben. Dabei ging es darum, neue chemische Verbindungen zu entwickeln, um der Resistenz gegen ein Arzneimittel zu begegnen. Weitere 124.000 Euro kamen einem Folgeprojekt zugute. Es nutzte die Erkenntnisse wie auch die internationalen Kontakte aus dem ersten Auftrag und  brachte einen anderen Wirkstoff ins Spiel: Betulinsäure. Sie kann aus der Borke von heimischen Platanen gewonnen werden und ist ebenfalls ein Arzneistoff gegen Krebs.

„Ein fertiges neues Medikament zu entwickeln – das mag für uns illusorisch sein. Aber wir können andere dafür interessieren, es zu tun“, erklärt Reinhard Paschke. So gingen auch die gewonnenen Erkenntnisse über die Betulin-Säure schließlich außer Haus. Ein Netzwerk aus anderen Unternehmen und Forschungseinrichtungen hat die Idee noch weiter entwickelt und weitere Komponenten eingebaut. Aktuell befindet sich das Medikament in klinischen Studien.

In Halle heulen derweil wieder die Mixer auf und die Karten werden neu gemischt. So nah an der Universität gibt es schließlich viele Ideen. Auch Anfragen erreichen das Unternehmen zur Genüge. Ein pfiffiger Landwirt aus dem Salzlandkreis greift gerne auf das Fachwissen und die Experimentierfreudigkeit der Hallenser zurück. Er beliefert die Kosmetikindustrie mit Pflanzen und die sucht bekanntlich nach immer neuen natürlichen Wirkstoffen. Die Nachfrage nach solchen Produkten, nach „biologischen Lösungen“, steigt. BioSolutions Halle kann den Landwirt zum Beispiel dadurch unterstützen, dass es die Konzentration eines Wirkstoffes in den geernteten Pflanzenteilen bestimmt.

www.biosolutions-halle.de